Mittwoch, 25. Januar 2017

Im Königreich Kambodscha

Heiligabend verbrachten wir noch in Laos, doch schon am ersten Weihnachtsfeiertag mussten wir ausreisen. Unsere 30 Tage waren abgelaufen und so zogen wir weiter ins Königreich Kambodscha. Auf dem Weg zur Grenze wurden wir dann das allererste mal auf unserer Reise offiziell abgezogen. Für gewöhnlich zahlt man als Deutscher für ein 30-Tage Visum $30. Als wir nun im Bus saßen, der natürlich ausschließlich von Touristen besetzt war, wurde uns während der Fahrt zur Grenze erklärt, dass wir die geplanten $30 zu zahlen hätten plus eine Zusatzgebühr von $10, die an diesem Grenzposten üblich sei. Der Busorganisator würde dafür alle Pässe einsammeln und sich um die Stempel und Visa kümmern, wir müssten also nichts machen außer im Bus zu warten. Wer die $10 "Servicegebühr" nicht zahlen würde wollen, der müsse eben selbst für sein Visa sorgen. Das wiederum könne aber bis zu vier Stunden dauern und auf Rücksicht der anderen Fahrgäste gegenüber könne der Bus diese lange Wartezeit nicht aufbringen. Eine ganz miese Masche also. Völlig aus dem nichts in eine Zwickmühle gesetzt und ehe wir überhaupt anfingen konnten abzuwägen was nun besser sei, begann der Busorganisator bereits die ersten Pässe und $40 der einzelnen Passagiere einzusammeln. Wir gaben widerwillig unseren Pass und die Kohle ab. Klar, $10 mehr pro Nase können wir verkraften. Es geht hier jedoch ums Prinzip und so fühlte sich fast jeder im Bus zurecht betrogen. Aber das ist natürlich noch nicht das Ende der Geschichte. Etwa ein Drittel der Fahrgäste weigerte sich dann und gab weder Pass noch Geld ab. Manche bestanden auch auf ihr Busticket, der Bus hätte zu warten, was ja auch korrekt ist. Als der Busorganisator die Verweigerer einfach ignorierte, fingen wir uns dann aber richtig an zu ärgern. Die Masche zielt eindeutig auf Dummfang ab und wir braven Touris sind voll reingetappt. Klar, es war kaum Zeit zu überlegen, trotzdem.. Wir sahen dann jedoch schnell ein uns nicht all zu sehr darüber ärgern und diese insgesamt $20 als Investition zu sehen, um in Zukunft achtsamer zu bleiben, vor allem wenn es um Geld geht.
Als wir dann kurze Zeit später am Grenzposten ankamen war dort natürlich tote Hose. Zumindest sah es nicht nach mehrstündiger Wartezeit aus. Aber wie gesagt, da haben wir dann auch schon abgeschlossen gehabt damit. Wir passierten die Grenze und warteten etwa ein halbe dreiviertel Stunde auf die Verweigerer. Diese erzählten uns dann folgendes: Sie zahlten zwar nur die $30 für die 30 Tage Aufenthalt in Kambodscha, mussten jedoch für jede Unterschrift, jeden Stempel, jeden Schriebs Papier, den man mit auf dem Weg bekam, auch noch einen extra Dollar bezahlen. So kam jeder der Verweigerer auf eine Gesamtsumme auf $35 bis $38, je nach Nase und Herkunftsland.
Aber hej, immerhin befanden wir uns an einem Grenzposten, an dem wir vom 20-ärmsten in das 11-ärmste Land der Erde einreisten. Korruption ist da nun einmal nicht von der Hand zu weisen.
Nachdem das ganze Prozedere dann beendet war und alle wieder im Bus saßen, ging die Fahrt normal weiter. Nach etwa vier Stunden erreichten wir unser Ziel für diesen Tag, die Stadt Kratie. Es ist ein kleines gemütliches Städtchen am Mekong im Norden Kambodschas und dort verbrachten wir dann erstmal zwei Tage. Der Ort ist bekannt für die schönsten Sonnenuntergänge im ganzen Land. Jenny sagte mir später, dass sie nur selten einen so tollen Himmel bei Sonnenuntergang gesehen hätte, das war am Ankunftstag. Leider schenkte ich diesem kaum Beachtung. Mir ging es schon während der Busfahrt nicht mehr so gut, spätestens in Kratie schleppte ich mich nur noch durch den Ort als wir auf der Suche nach Wasser und Essen waren. Ich hatte Fieber, wie sich später herausstellte und schlief recht schnell ein. Zu dem kam noch hinzu, dass in unserem Zimmer ganz schön viele Ameisen krabbelten und wir das Zimmer wechseln wollten, allerdings erst am nächsten Tag. Das Zimmer kostete uns nur $7, es war ausgesprochen sauber und hatte warmes Wasser, aber so viele Ameisen gingen gar nicht. Wir schlafen ja in Asien generell nur in einfachen Zimmern für nicht mehr als 10 Euro die Nacht und da kann es schon mal passieren, dass auch ein Käfer oder ein paar sehr wenige Ameisen (die gibt’s fast überall) rumkreuchen. Oder man findet mal das ein oder andere Haar auf der ansonsten frischen Bettwäsche. Statt warmen Wasser kommt auch manchmal nur kaltes aus der Leitung oder die Spülung der Toilette funktioniert nicht immer richtig. Wir haben mittlerweile eine ziemlich große Komfortzone, was solche Dinge angeht und meist benutzen wir unser Zimmer nur zum Schlafen und zur Gepäckablage und halten uns ja auch nur wenige Nächte pro Station auf. Aber da hat wirklich nur noch der Ameisenhaufen samt Königin gefehlt. Wir siedelten dann ins Zimmer gegenüber. Dort war alles gut und so entspannten wir unsere ersten vollen Tage in Kambodscha nach ein paar kleinen Startschwierigkeiten. Wir studierten den lokalen Markt, lernten unsere ersten Vokabeln in Khmer (die Sprache in Kambodscha) und die Sonnenuntergänge dort nahmen wir natürlich auch alle mit am Flussufer des Mekong, auch wenn keiner mehr so spektakulär wie am ersten Tag war.
So gemütlich Kratie auch ist, Silvester stand vor der Tür. Und das wollten wir in der Hauptstadt Phnom Penh feiern. Wir setzten uns also wie üblich in den Bus und fuhren weitere sechs Stunden. Als wir in Phnom Penh ankamen, stieg ein Gefühl der Erinnerung an Bangkok in uns hoch. Klar Bangkok mit seinen über 8 Millionen Einwohnern hat fünfmal so viele Einwohner wie Kambodschas Hauptstadt. Doch in ganz Laos gab es keine wirklich Stadt und so fanden wir uns nach einigen Wochen in einer, ja doch, ich würde es schon Metropole nennen, wieder.
Kaum stiegen wir aus dem Bus aus, da stand auch schon eine Traube von etwa einem Dutzend Tuk-Tukfahrern um uns herum, die uns mit gebrochenem „Where you going?“-Englisch empfingen. Das wussten wir auch noch nicht so recht, gebucht hatten wir das letzte Mal in Thailand und das wollten wir weitestgehend auch so bleiben lassen. Wir klapperten ein paar Hostels ab. Das erste war echt gut, doch kaltes Wasser für voraussichtlich fünf Nächte muss nicht sein. Nicht in einer so großen Stadt voller Angebot. Die nächsten beiden waren uns zu teuer und dann fanden wir eins mit guter Lage. Das Zimmer lag zwei Etagen über dem Restaurant mit Fenster zum Innenhof und einer Terrasse zur Straße. Der Preis war mit $9 okay, nur das Waschbecken funktionierte nicht. Das Wasser lief nicht ab, aber über den Duschkopf konnten wir uns ebenso die Hände waschen. Wir zogen dann auf in die Hölle von Phnom Penh, um Essen zu gehen, denn lange Busfahrten bedeuten Fastenzeit. Warum Hölle? Der Verkehr ist katastrophal. Überall im Land, aber Phnom Penh nimmt es, was den Verkehr betrifft, locker mit Bangkok, Buenos Aires und Lima auf. Gefahren wird theoretisch rechts, es kommt aber immer mal wieder ein Motorrad aus der entgegengesetzten Richtung am Rand der Fahrbahn vorbei. Selbst auf Frischemärkten fahren die Einheimischen mit ihren Rollern durch die Menschenmengen, natürlich nur immer zentimeterweise, aber es ist auf dem ersten Blick das reinste Chaos. Ampeln, naaa ja, wir wollen wir mal nicht so viel meckern, die meisten halten schon. Und da sag mir einer nochmal: Wenn ich Rentner bin, nach all den langen Jahren der Arbeit, DANN schau ich mir die Welt an. Also Phnom Penh können Menschen mit dieser Maxime schon mal von der Karte streichen. Ein wachsames Auge und Schnelligkeit sind hier die einzigen Helfer, um heil durch den Verkehr zu kommen. Auch nach fünf Tagen kam keine Gewohnheit rein, wie es sonst oft der Fall ist, wirklich unglaublich!
Da traf es sich natürlich gut, dass die vietnamesische Botschaft, zu der wir zuerst wollten, gleich mal drei Kilometer von unserem Hotel entfernt lag. Tuk-Tuk wollten wir nicht benutzen. In Kambodscha zu handeln ist weitaus schwieriger als in Laos oder Thailand, egal ob auf Märkten, bei Unterkünften oder halt den Tuk-Tukfahrern, die für gewöhnlich sowieso ihre eigenen Gesetze machen.
Also hieß es sich so achtsam wie möglich durch den Verkehr zu bewegen, mit Bürgersteigen darf nicht gerechnet werden. Und wenn es welche gibt, dann sind sie zugestellt mit Motorrollern oder Essensstände. Bleibt nur der Straßenrand, aber ihr werdet es ahnen. Da ich ja diese Zeilen tippe, haben wir alles unbeschadet überstanden, wir Füchse. Warum wir zur überhaupt zur vietnamesischen Botschaft wollten? Weil man in Vietnam als Deutscher zwar umsonst rein darf, allerdings nur 15 Tage. Das ist viel zu wenig für ein Land das flächenmäßig so groß ist wie Deutschland. Und überhaupt: Bereits auf dem Balkan hatten wir das Gefühl nur so durch die Länder zu huschen. Dort hielten wir uns im Schnitt anderthalb Wochen pro Land auf, ausgeschlossen Albanien, wo wir drei Wochen zugegen waren. Rückblickend hätten wir die zehn Wochen Balkan anstatt durch sechs Länder zu flitzen eher auf zwei beschränken sollen, wenn nicht sogar eines. In Thailand und Laos waren wir dann zwar schon jeweils einen Monat, aber das ist gar nichts. Thailand komplett zu erkunden sollte mindestens ein viertel bis halbes Jahr in Anspruch nehmen. In Laos haben wir immerhin das ganze Land durchqueren können, zwei Monate wären hier sicherlich angemessener, um "überall" mal kurz gewesen zu sein. Kambodscha finde ich persönlich ziemlich interessant, auch hier lässt es sich locker ein Vierteljahr aushalten, doch der Reisepass sagt: 30 Tage, mehr gibt’s ohne Visum nicht. Also entschlossen wir uns wenigstens ein Land „richtig“ zu bereisen. Wir pendelten dann zwischen Malaysia, den Philippinen und Vietnam hin und her. Doch da Vietnam unsere erste Wahl war und perfekt zur Route passt, entschieden wir uns dafür. Die meisten Menschen gehen arbeiten und unternehmen keine langen Reisen. Wenn wir eines Tages in dieser Situation stecken sollten, würden wir diese Sichtweise übrigens genauso anwenden, nur eben im kleineren Maßstab. Statt in zwei oder drei Wochen durch mehrere Länder und Orte zu hetzen, würden wir uns dann lieber auf eine Region beschränken. In unserem Reiseführer sind vorgeschlagene Routen für jeweils 6 bis 8 Wochen und da sind fast alle Länder Südostasiens dabei. Und tatsächlich treffen wir immer mal wieder Leute, die sich für diesen Sprint entschieden haben. Auf dem Balkan trafen wir auf der Busfahrt von Skopje nach Sofia einen Rentner aus Taiwan. Der war sehr lustig und kam auch bei den anderen Insassen durch seine offene Art gut an. Seine Reisetempo war ziemlich beachtlich. Er „reiste“ in drei Wochen alle Höhepunkte des Balkans ab. Dabei blieb er nie länger als 24 Stunden an einem Ort, manchmal schaffte er das Kunststück zwei Orte an einem Tag zu besichtigen. Er fragte uns dann, wie lange wir in Mazedonien waren und als wir ihm zur Antwort 12 Tage gaben, fragte er. „WHAT?? 12 Days?! It´s a small country, here is nothing.“ Ich übertrage die Reisemoral mancher Menschen einmal auf mein Heimatland. Gehen wir mal von drei Wochen Urlaub aus. Jeweils zwei Tage Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und München sollten drin sein, ich denke das sind schon unsere Großstadtperlen. Danach jeweils drei Tage Nord- und Ostsee und dann wollen wir ja auch noch im Thüringer Wald, Harz und der Sächsischen Schweiz auf Wanderschaft gehen. Kann man natürlich bringen und dank der ICE-Züge verprasst man nicht so viel Zeit um von A nach B zu kommen, aber ist das dann wirklich Urlaub? Oder sollte man sich lieber auf einen kompletten Urlaub im Schwarzwald einlassen, nach dem man ganz gewiss auch weniger ausgetretene Pfade kennt? Es gilt halt immer den Spagat zu schaffen aus dem Reiz verschiedener Orte/Regionen/Länder und Erholung bzw tiefer Eintauchen in eine Kultur gemessen an persönlichen Vorlieben und natürlich dem Zeitbudget, welches einem zur Verfügung steht. Was uns an geht, die schönsten Erinnerungen, auch auf den Reisen zuvor, haben wir eher an entlegeneren Gegenden und Orten gesammelt, die weiter hinten in Reiseführern auftauchen oder gar nicht erst Erwähnung finden und die wir bei einem ein- oder zweiwöchigen Urlaub so vermutlich nicht besucht hätten. 
Wie auch immer, wir erreichten wohlbehalten die vietnamesische Botschaft in Phnom Penh, füllten kurz den Visa-Antrag aus und gaben ein Passfoto von uns mit jeweils $50 ab. Einen Tag später, am vorletzten Tag des Jahres, holten wir unser Visum ab, welches uns berechtigt sich drei Monate ab Einreise im Land aufhalten zu dürfen. Wir waren froh, die Visa noch vor dem Jahreswechsel besorgt zu haben und gönnten uns eine Tuk-Tukfahrt von der Botschaft nach Hause. Ansonsten verbrachten wir in Phnom Penh unsere Zeit damit uns ein paar Tempel samt Königspalast anzuschauen, am Flussufer entlang zu spazieren, auf den Märkten zu schlemmen und natürlich Silvester zu feiern. Den Jahreswechsel begannen wir wie fast jeden Abend auf dem Nachtmarkt mit einer ordentlichen Portion Nudeln und als Nachtisch gab es seit langem mal wieder hausgemachtes Kokoseis. Nach dem Essen gesellten wir uns in die Menschenmenge und schauten der Bühnenshow etwas zu. Gegen 0 Uhr wollten wir jedoch wieder genau am anderen Ende des Flussufer sein. Vor dem großen Platz am Königspalast schien am meisten los zu sein. Zum Glück machten wir schon etwas zeitiger los, die Bühnenshow verflachte nämlich etwas, denn es war wirklich wieder das reinste Chaos. Der Stau bestand aus Menschen auf Beinen und welchen auf Motorrollern. Ich frage mich noch heute warum die sich das antun. Man kommt doch sowieso nicht vorwärts, höchstens mal einen Meter, dann ist wieder lauern auf die nächste Lücke angesagt. Irgendwann standen wir dann auf dem Platz, es wurde 0 Uhr und ein Feuerwerk begann. Die Menschen selber hatten nur eine Art bengalisches Feuer in der Hand, welches kleine Mini-Raketen in die Luft spuckte. Danach löste sich das Gewimmel aus Menschen und Motorrollern nach und nach auf und auch wir bahnten uns den Weg Richtung Hotel frei...  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen