Heiligabend verbrachten wir noch in
Laos, doch schon am ersten Weihnachtsfeiertag mussten wir ausreisen.
Unsere 30 Tage waren abgelaufen und so zogen wir weiter ins
Königreich Kambodscha. Auf dem Weg zur Grenze wurden wir dann das
allererste mal auf unserer Reise offiziell abgezogen. Für gewöhnlich
zahlt man als Deutscher für ein 30-Tage Visum $30. Als wir nun im
Bus saßen, der natürlich ausschließlich von Touristen besetzt war,
wurde uns während der Fahrt zur Grenze erklärt, dass wir die
geplanten $30 zu zahlen hätten plus eine Zusatzgebühr von $10, die
an diesem Grenzposten üblich sei. Der Busorganisator würde dafür
alle Pässe einsammeln und sich um die Stempel und Visa kümmern, wir
müssten also nichts machen außer im Bus zu warten. Wer die $10 "Servicegebühr" nicht zahlen würde wollen, der müsse eben selbst für
sein Visa sorgen. Das wiederum könne aber bis zu vier Stunden dauern
und auf Rücksicht der anderen Fahrgäste gegenüber könne der Bus
diese lange Wartezeit nicht aufbringen. Eine ganz miese Masche also.
Völlig aus dem nichts in eine Zwickmühle gesetzt und ehe wir
überhaupt anfingen konnten abzuwägen was nun besser sei, begann der
Busorganisator bereits die ersten Pässe und $40 der einzelnen
Passagiere einzusammeln. Wir gaben widerwillig unseren Pass und die
Kohle ab. Klar, $10 mehr pro Nase können wir verkraften. Es geht
hier jedoch ums Prinzip und so fühlte sich fast jeder im Bus zurecht
betrogen. Aber das ist natürlich noch nicht das Ende der Geschichte.
Etwa ein Drittel der Fahrgäste weigerte sich dann und gab weder Pass
noch Geld ab. Manche bestanden auch auf ihr Busticket, der Bus hätte
zu warten, was ja auch korrekt ist. Als der Busorganisator die
Verweigerer einfach ignorierte, fingen wir uns dann aber richtig an zu
ärgern. Die Masche zielt eindeutig auf Dummfang ab und wir braven
Touris sind voll reingetappt. Klar, es war kaum Zeit zu überlegen, trotzdem.. Wir sahen dann jedoch schnell ein uns nicht all zu sehr darüber
ärgern und diese insgesamt $20 als Investition zu sehen, um in Zukunft
achtsamer zu bleiben, vor allem wenn es um Geld geht.
Als wir dann kurze Zeit später am
Grenzposten ankamen war dort natürlich tote Hose. Zumindest sah es
nicht nach mehrstündiger Wartezeit aus. Aber wie gesagt, da haben
wir dann auch schon abgeschlossen gehabt damit. Wir passierten die
Grenze und warteten etwa ein halbe dreiviertel Stunde auf die
Verweigerer. Diese erzählten uns dann folgendes: Sie zahlten zwar
nur die $30 für die 30 Tage Aufenthalt in Kambodscha, mussten jedoch
für jede Unterschrift, jeden Stempel, jeden Schriebs Papier, den man
mit auf dem Weg bekam, auch noch einen extra Dollar bezahlen. So kam
jeder der Verweigerer auf eine Gesamtsumme auf $35 bis $38, je nach Nase und Herkunftsland.
Aber hej, immerhin befanden wir uns an
einem Grenzposten, an dem wir vom 20-ärmsten in das 11-ärmste Land
der Erde einreisten. Korruption ist da nun einmal nicht von der Hand zu
weisen.
Nachdem das ganze Prozedere dann
beendet war und alle wieder im Bus saßen, ging die Fahrt normal
weiter. Nach etwa vier Stunden erreichten wir unser Ziel für diesen
Tag, die Stadt Kratie. Es ist ein kleines gemütliches Städtchen am
Mekong im Norden Kambodschas und dort verbrachten wir dann erstmal
zwei Tage. Der Ort ist bekannt für die schönsten Sonnenuntergänge
im ganzen Land. Jenny sagte mir später, dass sie nur selten einen so
tollen Himmel bei Sonnenuntergang gesehen hätte, das war am
Ankunftstag. Leider schenkte ich diesem kaum Beachtung. Mir ging es
schon während der Busfahrt nicht mehr so gut, spätestens in Kratie
schleppte ich mich nur noch durch den Ort als wir auf der Suche nach
Wasser und Essen waren. Ich hatte Fieber, wie sich später
herausstellte und schlief recht schnell ein. Zu dem kam noch hinzu,
dass in unserem Zimmer ganz schön viele Ameisen krabbelten und wir
das Zimmer wechseln wollten, allerdings erst am nächsten Tag. Das
Zimmer kostete uns nur $7, es war ausgesprochen sauber und hatte
warmes Wasser, aber so viele Ameisen gingen gar nicht. Wir schlafen
ja in Asien generell nur in einfachen Zimmern für nicht mehr als 10
Euro die Nacht und da kann es schon mal passieren, dass auch ein
Käfer oder ein paar sehr wenige Ameisen (die gibt’s fast überall)
rumkreuchen. Oder man findet mal das ein oder andere Haar auf der
ansonsten frischen Bettwäsche. Statt warmen Wasser kommt auch
manchmal nur kaltes aus der Leitung oder die Spülung der Toilette
funktioniert nicht immer richtig. Wir haben mittlerweile eine
ziemlich große Komfortzone, was solche Dinge angeht und meist
benutzen wir unser Zimmer nur zum Schlafen und zur Gepäckablage und
halten uns ja auch nur wenige Nächte pro Station auf. Aber da hat
wirklich nur noch der Ameisenhaufen samt Königin gefehlt. Wir
siedelten dann ins Zimmer gegenüber. Dort war alles gut und so
entspannten wir unsere ersten vollen Tage in Kambodscha nach ein paar
kleinen Startschwierigkeiten. Wir studierten den lokalen Markt,
lernten unsere ersten Vokabeln in Khmer (die Sprache in Kambodscha)
und die Sonnenuntergänge dort nahmen wir natürlich auch alle mit am
Flussufer des Mekong, auch wenn keiner mehr so spektakulär wie am ersten Tag war.
So gemütlich Kratie auch ist,
Silvester stand vor der Tür. Und das wollten wir in der Hauptstadt
Phnom Penh feiern. Wir setzten uns also wie üblich in den Bus und
fuhren weitere sechs Stunden. Als wir in Phnom Penh ankamen, stieg ein
Gefühl der Erinnerung an Bangkok in uns hoch. Klar Bangkok mit
seinen über 8 Millionen Einwohnern hat fünfmal so viele Einwohner
wie Kambodschas Hauptstadt. Doch in ganz Laos gab es keine wirklich
Stadt und so fanden wir uns nach einigen Wochen in einer, ja doch,
ich würde es schon Metropole nennen, wieder.
Kaum stiegen wir aus dem Bus aus, da
stand auch schon eine Traube von etwa einem Dutzend Tuk-Tukfahrern um
uns herum, die uns mit gebrochenem „Where you going?“-Englisch
empfingen. Das wussten wir auch noch nicht so recht, gebucht hatten
wir das letzte Mal in Thailand und das wollten wir weitestgehend auch so
bleiben lassen. Wir klapperten ein paar Hostels ab. Das erste war
echt gut, doch kaltes Wasser für voraussichtlich fünf Nächte muss
nicht sein. Nicht in einer so großen Stadt voller Angebot. Die
nächsten beiden waren uns zu teuer und dann fanden wir eins mit
guter Lage. Das Zimmer lag zwei Etagen über dem Restaurant mit
Fenster zum Innenhof und einer Terrasse zur Straße. Der Preis war
mit $9 okay, nur das Waschbecken funktionierte nicht. Das Wasser
lief nicht ab, aber über den Duschkopf konnten wir uns ebenso die
Hände waschen. Wir zogen dann auf in die Hölle von Phnom Penh, um
Essen zu gehen, denn lange Busfahrten bedeuten Fastenzeit. Warum
Hölle? Der Verkehr ist katastrophal. Überall im Land, aber Phnom
Penh nimmt es, was den Verkehr betrifft, locker mit Bangkok, Buenos Aires und Lima auf.
Gefahren wird theoretisch rechts, es kommt aber immer mal wieder ein
Motorrad aus der entgegengesetzten Richtung am Rand der Fahrbahn
vorbei. Selbst auf Frischemärkten fahren die Einheimischen mit ihren
Rollern durch die Menschenmengen, natürlich nur immer
zentimeterweise, aber es ist auf dem ersten Blick das reinste Chaos.
Ampeln, naaa ja, wir wollen wir mal nicht so viel meckern, die
meisten halten schon. Und da sag mir einer nochmal: Wenn ich Rentner
bin, nach all den langen Jahren der Arbeit, DANN schau ich mir die
Welt an. Also Phnom Penh können Menschen mit dieser Maxime schon mal von der Karte streichen. Ein wachsames Auge und
Schnelligkeit sind hier die einzigen Helfer, um heil durch den
Verkehr zu kommen. Auch nach fünf Tagen kam keine Gewohnheit rein,
wie es sonst oft der Fall ist, wirklich unglaublich!
Da traf es sich natürlich gut, dass
die vietnamesische Botschaft, zu der wir zuerst wollten, gleich mal
drei Kilometer von unserem Hotel entfernt lag. Tuk-Tuk wollten wir
nicht benutzen. In Kambodscha zu handeln ist weitaus schwieriger als
in Laos oder Thailand, egal ob auf Märkten, bei Unterkünften oder halt den Tuk-Tukfahrern, die für gewöhnlich sowieso ihre eigenen Gesetze
machen.
Also hieß es sich so achtsam wie
möglich durch den Verkehr zu bewegen, mit Bürgersteigen darf nicht
gerechnet werden. Und wenn es welche gibt, dann sind sie zugestellt
mit Motorrollern oder Essensstände. Bleibt nur der Straßenrand, aber
ihr werdet es ahnen. Da ich ja diese Zeilen tippe, haben wir alles
unbeschadet überstanden, wir Füchse. Warum wir zur überhaupt zur
vietnamesischen Botschaft wollten? Weil man in Vietnam als
Deutscher zwar umsonst rein darf, allerdings nur 15 Tage. Das ist
viel zu wenig für ein Land das flächenmäßig so groß ist wie
Deutschland. Und überhaupt: Bereits auf dem Balkan hatten wir das
Gefühl nur so durch die Länder zu huschen. Dort hielten wir uns im
Schnitt anderthalb Wochen pro Land auf, ausgeschlossen Albanien, wo
wir drei Wochen zugegen waren. Rückblickend hätten wir die zehn
Wochen Balkan anstatt durch sechs Länder zu flitzen eher auf zwei
beschränken sollen, wenn nicht sogar eines. In Thailand und Laos
waren wir dann zwar schon jeweils einen Monat, aber das ist gar
nichts. Thailand komplett zu erkunden sollte mindestens ein viertel
bis halbes Jahr in Anspruch nehmen. In Laos haben wir immerhin das
ganze Land durchqueren können, zwei Monate wären hier sicherlich
angemessener, um "überall" mal kurz gewesen zu sein. Kambodscha finde ich persönlich ziemlich interessant,
auch hier lässt es sich locker ein Vierteljahr aushalten, doch der
Reisepass sagt: 30 Tage, mehr gibt’s ohne Visum nicht. Also
entschlossen wir uns wenigstens ein Land „richtig“ zu bereisen.
Wir pendelten dann zwischen Malaysia, den Philippinen und Vietnam hin
und her. Doch da Vietnam unsere erste Wahl war und perfekt zur Route
passt, entschieden wir uns dafür. Die meisten Menschen gehen
arbeiten und unternehmen keine langen Reisen. Wenn wir eines Tages in
dieser Situation stecken sollten, würden wir diese Sichtweise
übrigens genauso anwenden, nur eben im kleineren Maßstab. Statt in
zwei oder drei Wochen durch mehrere Länder und Orte zu hetzen,
würden wir uns dann lieber auf eine Region beschränken. In unserem
Reiseführer sind vorgeschlagene Routen für jeweils 6 bis 8 Wochen
und da sind fast alle Länder Südostasiens dabei. Und tatsächlich
treffen wir immer mal wieder Leute, die sich für diesen Sprint entschieden haben. Auf dem Balkan trafen wir auf der
Busfahrt von Skopje nach Sofia einen Rentner aus Taiwan. Der war sehr
lustig und kam auch bei den anderen Insassen durch seine offene Art
gut an. Seine Reisetempo war ziemlich beachtlich. Er „reiste“ in
drei Wochen alle Höhepunkte des Balkans ab. Dabei blieb er nie
länger als 24 Stunden an einem Ort, manchmal schaffte er das
Kunststück zwei Orte an einem Tag zu besichtigen. Er fragte uns dann, wie lange wir in Mazedonien waren und als wir ihm zur Antwort 12
Tage gaben, fragte er. „WHAT?? 12 Days?! It´s a small country,
here is nothing.“ Ich übertrage die Reisemoral mancher Menschen
einmal auf mein Heimatland. Gehen wir mal von drei Wochen Urlaub aus. Jeweils
zwei Tage Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und München sollten drin sein, ich denke das sind schon unsere Großstadtperlen. Danach jeweils
drei Tage Nord- und Ostsee und dann wollen wir ja auch noch im
Thüringer Wald, Harz und der Sächsischen Schweiz auf Wanderschaft
gehen. Kann man natürlich bringen und dank der ICE-Züge verprasst man
nicht so viel Zeit um von A nach B zu kommen, aber ist das dann
wirklich Urlaub? Oder sollte man sich lieber auf einen kompletten Urlaub im Schwarzwald einlassen, nach dem man ganz gewiss auch weniger ausgetretene Pfade kennt? Es gilt halt immer den Spagat zu schaffen aus dem Reiz verschiedener Orte/Regionen/Länder und Erholung bzw tiefer Eintauchen in eine Kultur gemessen an persönlichen Vorlieben und natürlich dem Zeitbudget, welches einem zur Verfügung steht. Was uns an geht, die schönsten Erinnerungen, auch auf den Reisen
zuvor, haben wir eher an entlegeneren Gegenden und Orten gesammelt, die weiter hinten
in Reiseführern auftauchen oder gar nicht erst Erwähnung finden und die wir bei einem ein- oder zweiwöchigen Urlaub so vermutlich nicht besucht hätten.
Wie auch immer, wir erreichten
wohlbehalten die vietnamesische Botschaft in Phnom Penh, füllten
kurz den Visa-Antrag aus und gaben ein Passfoto von uns mit jeweils
$50 ab. Einen Tag später, am vorletzten Tag des Jahres, holten wir
unser Visum ab, welches uns berechtigt sich drei Monate ab Einreise
im Land aufhalten zu dürfen. Wir waren froh, die Visa noch vor dem
Jahreswechsel besorgt zu haben und gönnten uns eine Tuk-Tukfahrt von
der Botschaft nach Hause. Ansonsten verbrachten wir in Phnom Penh
unsere Zeit damit uns ein paar Tempel samt Königspalast anzuschauen,
am Flussufer entlang zu spazieren, auf den Märkten zu schlemmen und
natürlich Silvester zu feiern. Den Jahreswechsel begannen wir wie
fast jeden Abend auf dem Nachtmarkt mit einer ordentlichen Portion
Nudeln und als Nachtisch gab es seit langem mal wieder hausgemachtes
Kokoseis. Nach dem Essen gesellten wir uns in die Menschenmenge und
schauten der Bühnenshow etwas zu. Gegen 0 Uhr wollten wir jedoch
wieder genau am anderen Ende des Flussufer sein. Vor dem großen
Platz am Königspalast schien am meisten los zu sein. Zum Glück
machten wir schon etwas zeitiger los, die Bühnenshow verflachte
nämlich etwas, denn es war wirklich wieder das reinste Chaos. Der
Stau bestand aus Menschen auf Beinen und welchen auf Motorrollern.
Ich frage mich noch heute warum die sich das antun. Man kommt doch
sowieso nicht vorwärts, höchstens mal einen Meter, dann ist wieder
lauern auf die nächste Lücke angesagt. Irgendwann standen wir dann
auf dem Platz, es wurde 0 Uhr und ein Feuerwerk begann. Die Menschen
selber hatten nur eine Art bengalisches Feuer in der Hand, welches
kleine Mini-Raketen in die Luft spuckte. Danach löste sich das
Gewimmel aus Menschen und Motorrollern nach und nach auf und auch wir
bahnten uns den Weg Richtung Hotel frei...
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