Freitag, 13. Januar 2017

Idyllisches Nordlaos

Das nächste Land, welches es also zu bereisen galt, war Laos. Es ist von der Fläche her etwa so groß wie Deutschland ohne Bayern und Baden-Württemberg und eines der weniger Binnenländer Asiens, das heißt, es hat keinen direkten Zugang zum Meer und ist dadurch wirtschaftlich stark benachteiligt. Der wichtigste Handelspartner ist China, der wenigstens etwas Geld in das Land investiert, aber auf der anderen Seite auch viel mehr nimmt, als es gibt. So findet sich Laos in der zweifelhaften Liste der Top-20 der ärmsten Länder der Welt wieder. Das einzige auf was die Laoten, unabhängig von anderen, setzen können, ist ihre unglaublich ursprüngliche Natur und dem damit verbundenen Ökotourismus, der zum Glück nachhaltig gestaltet wird. Quasi der gesamte Norden des Landes ist ein einziger Urwald. Leider verscherbeln korrupte Beamte zusammen mit vietnamesischen Großunternehmen diese Natur, indem der Dschungel gerodet wird und das wertvolle Holz zur Herstellung exquisiter Möbel ins Nachbarland verkauft wird. Noch vor 50 Jahren bestand Laos aus 70% Regenwald, 2016 sind es nicht mal mehr 40%, Tendenz stark fallend.
Dennoch bleibt grade der Nordteil des Landes ein einziges Naturspektakel. Man schlängelt sich durch die grünen Berge und Täler von Ort zu Ort, immer mal wieder durch Dörfer, in denen noch über offene Feuerstellen in rostigen Kesseln gekocht wird. Kinder laufen die Straßen entlang, ein paar Kilometer weiter in das nächstgrößere Dorf, wo es anscheinend eine Schule gibt. Die meisten Häuser sind auf Stelzen gebaut, etwa ein bis zwei Meter über dem Boden. Zum Schutz vor dem Wasser in der Regenzeit.
Für etwa 150 Kilometer Strecke sind circa 4 Stunden Fahrzeit einzuplanen, je nach Qualität der Straßen und Busse. Wir hatten bis jetzt alles dabei. Mini-Vans, in denen bis zu 12 Leute ziemlich zügig transportiert werden können. Das ist die angenehme Variante, auch wenn die Fahrer gern mal zu doll aufs Gas treten. Einmal fuhren wir sogar in einem sogenannten Sleeper mit, einem Schlafbus, in denen es keinen einzigen Sitz sondern ausschließlich Doppelstockbetten gibt. Manchmal nahmen wir auch in Bussen Platz, die damit drohten jeden Moment auseinander zufallen. Es kommt dann schon mal vor, dass angehalten wird und der Busfahrer mit seinem Werkzeug, welches lose unter seinem Sitz verstreut liegt, das Gefährt erstmal reparieren muss ehe es weitergehen kann.
Zeit spielt in Laos nicht nur keine Rolle, ich würde sogar meinen, sie existiert hier gar nicht. Klar, es gibt provisorisch einen Abfahrtsplan an Busbahnhöfen, aber losgefahren wird erst wenn der Bus voll ist. Lohnt sich sonst nicht und keiner der Insassen erweckt den Eindruck es eilig haben zu müssen. Auch bei der Suche nach Essen muss man als Westler erstmal geduldig bleiben. Es hapert gewiss nicht an Angeboten und Küchen. Doch die Bestellung wird erst dann aufgenommen, wenn der Laote es für richtig hält an unseren Tisch zu kommen. Im Gegensatz zum eher quirligen Thailand wirkt Laos auf den ersten Blick etwas phlegmatisch und desinteressiert – aber dennoch sehr freundlich, ist man erstmal in einem Gespräch oder einer Situation tiefer verwickelt. Die Menschen sind zurückhaltender, was wir uns damit erklären, dass das Land touristisch noch nicht so sehr erschlossen ist wie seine Nachbarn Thailand oder Vietnam. Dort hat man sich bereits daran gewöhnt, dass Männer in Badehosen und T-Shirts und Bier in der Hand durch die Straßen laufen zusammen mit ihren Partnerinnen, die meist schulter- und kniefrei bekleidet sind. Ein weiteres Argument für unsere Vermutung sind die Kinder, die in manchen Orten anscheinend nur alle paar Wochen oder Monate mal einen Weißen sehen. Von ängstlich und den Tränen nahe über neugieriges Gaffen bis Lachen und „Hello, hello, hello“-Rufen haben wir bei den Nachwuchslaoten alles erlebt. Zum Glück überwiegt letztere Reaktion, sodass wir auch mal gefragt werden, ob wir angefasst werden dürfen oder ein Foto zusammen machen. 
So in etwa kann man sich Laos vorstellen, es herrscht hier eine ziemlich ausgelassene und bisher nie erlebte, ganz eigene Stimmung. Wir denken hier viel nach, denn das Land und die eben beschriebene Atmosphäre inspirieren dazu.

Die meisten Orte in Laos haben den Flair einer staubigen Stadt aus dem Wilden Westen. So auch der Grenzort Houay Xai, in dem wir eine Nacht verbrachten und der folgende Ort Luang Namtha. Houay Xai hat absolut gar nichts zu bieten. Die Hitze, die über der Stadt liegt, lud uns jedoch zum Verweilen am Mekongufer ein. In Luang Namtha liehen wir uns Fahrräder aus und erkundeten das Umfeld. Dort gab es Wasserfälle und viel Natur, in der wir uns einfach nur gerne aufhielten. Und dort sahen wir auch zum ersten Mal Dörfer, die es über das ganze Land verstreut gibt. Dort sind Kühe, Schweine und Ziegen die Kings auf der Straße. Zumindest lassen sie sich von keiner Hupe der Welt aus der Ruhe bringen und machen erst Platz für alle ankommenden Autos, wenn sie es für richtig halten. Wir haben weder ein Gehege noch einen Hühnerstall oder sonst etwas dergleichen gesehen bis jetzt. Scheinbar leben die Tiere frei. Auch zwischen den Orten mitten auf einer Landstraße kann es passieren, dass man auf eine Horde Ziegen trifft.
Nach Luang Namtha ging es für uns in die Königsstadt Luang Prabang, dem Juwel von Laos. Allerdings sind die Busfahrten, wie bereits beschrieben, sehr lang und mühselig. Also machten wir noch einen Tag Zwischenhalt in Oudomxai, wo wir uns auf den Märkten vollfutterten und auch einen anderen Reisenden trafen. Flo lebt in Berlin, ist jedoch Schweizer mit brasilianischen Wurzeln und wieder in Südostasien unterwegs. Und das auf dem Landweg von Deutschland bis hierher. In 9 Monaten ist er über Südosteuropa, die Türkei, den Iran, Usbekistan, Turkmenistan, die Mongolei und China mit seinem Auto gefahren. Wir hatten einen schönen Nachmittag in einem der seltenen Parks. Parkanlagen sind bisher wirkliche Raritäten in Südostasien.
In Luang Prabang, angekommen nach weiteren acht Stunden Fahrzeit, wurde es dann etwas hitzig. Wir kamen spät an und der Busbahnhof war mal wieder zig Kilometer vom Zentrum entfernt. Keine Ahnung warum das in Laos so ist, aber 5-8 Kilometer außerhalb ist Standard. Ein junges laotisches Ehepaar lud uns und zwei französische Paare ein, mit einem Minivan ins Zentrum zufahren. Sie wurden von einer Freundin abgeholt. Das passte den Tuk-Tukfahrern mal gar nicht, gleich eine ganze Gruppe hellhäutiger Mitmenschen gratis zu transportieren und der junge nette Laote musste ernsthaft eine geschlagene Viertelstunde diskutieren und sich rechtfertigen. Die Menschen in Südostasien sind wirklich sehr nett, aber die Tuk-Tukfahrer machen wirklich ihre ganz eigenen Gesetze. Das war nach 2 Monaten hier die bislang erste und letzte Situation, in der es mal unter Einheimischen lauter wurde. Wenn sich mal einer lauthals beschwert hat, war es immer ein Tourist, der die Nerven verlor. Diskutieren und Rechthaberei wird in Südostasien nur belächelt. Man verliert hier sein Gesicht und wird nur bedauert, wenn man mit roten Kopf wutentbrannt lospoltert, wenn es mal Unstimmigkeiten gibt. (Zum Beispiel mit einer falschen Rechnung). Behält man hingegen die Contenance und lächelt alles Unangenehme weg, klärt sich so gut wie jede Situation binnen von zwei Minuten.
In Luang Prabang blieben wir dann drei Tage. Es ist wirklich sehr schön dort. Man kann jede Menge Outdoor-Aktivitäten unternehmen. Es gibt Wasserfälle und den größten Nachtmarkt im ganzen Land. Dort haben wir jeden Abend vorzüglich geschlemmt. Für 15.000 Kip, das sind etwa 1,80 Euro, kann man sich an einem Buffet den Teller bis zum Rand voll machen mit jeglichen Leckereien. Und das Beste: Alles war vegetarisch! Gleich neben dem Nachtmarkt lief das laotische Filmfestival an. Es wurden eine Woche lang Filme gezeigt und wir hatten Glück, dass an einem Abend einer mit englischen Untertitel lief. Es war zwar eine schnulzige Liebesgeschichte, aber ich muss sagen, dass er trotzdem recht gut war. Interessant waren auch die Reaktionen des Publikums. Die waren da voll drin. Je nach Szene ging da ein richtiges Raunen oder Lachen durch die Menge. Ich kenne solche kollektiven Verhaltensmuster eigentlich nur aus dem Fußballstadion. Um Luang Prabang schauten wir uns dann den Kuang Si an, einen der schönsten Wasserfälle in Südostasien. Dazu mieteten wir uns einen Tuk-Tukfahrer für einen Tag und kamen so die knapp 30 Kilometer hin und zurück. Am letzten Tag kletterten wir noch auf einen Berg, um die Aussicht über die Stadt zu genießen und aßen uns am Abend wieder die Bäuche voll.
Weiter ging es nach Vang Vieng. Das ist ein Ort, dessen jüngste Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes „berauschend“ ist. Dort kann man Tubing machen. Das ist quasi auf einem großen Schwimmreifen (Tube) den Fluss entlang fahren. In den 90ern wurde die Aktivität sehr populär unter jungen Touristen und es entstand zunächst eine Bar nach der anderen am Flussufer. Nun konnte man den entlangschwimmenden Touristen einfach ein Seil zuwerfen, wenn sie wollten, und sie an Land ziehen. Dann wurde in der Bar ein Bier gekippt und weiter getubt. Bis zur nächsten Bar, wo man dann wieder ein Bier trank. Dazu kam der ziemlich offene Verkauf von Marihuana, welches man ebenfalls in Restaurants und Bars als Nachtisch zu seiner Pizza erworben konnte. So weit so gut, ein Bier zu trinken und einen Joint zu rauchen hat noch niemanden unter die Erde gebracht. Der Ort wurde nun jedoch immer populärer unter jungen Leuten, die grad ihr Abi meisterten oder Semesterferien hatten, und das sprach sich natürlich auch bei den ortsansässigen Drogenbossen herum. Und da Laos der drittgrößte Opiumlieferant weltweit ist, wurde eben dieses in seiner reinen Form oder in Form von Heroin in Unmengen nach Vang Vieng verfrachtet. Auch das Polizeirevier in Vang Vieng machte zu dieser Zeit natürlich ordentlich Kasse. Das Heroin schlug dann so heftig ein, in dieser ansonsten idyllisch wunderschönen Gegend, dass es von nun an alle paar Wochen einen Drogentoten gab, der den Fluss heruntertrieb. Ich glaub es waren zu Höchstzeiten um die 35-40 Tote im Jahr. Natürlich wurde mit den harten Drogen auch das Verhalten der jungen Partygänger immer perverser und lauter und so stand Vang Vieng nach etwa über einem Jahrzehnt der Ekstase vor der Frage: Geld (durch Drogen) oder Ruhe (wie vor dem Opium)? Da der Ort mittlerweile auch schon international für Aufsehen gesorgt hatte und die laotische Regierung dadurch gezwungen war zu Handeln, kehrte schnell wieder Ruhe ein. Der gesamte lokale (und korrupte) Polizeiapparat wurde durch ein Anti-Drogenkommando ausgetauscht und binnen weniger Jahre gelang es dem Ort, dass wieder mehr Naturliebhaber Geld ans Volk brachten statt vollgedröhnte Teenies die Kassen der Dealer füllten.
Und wie froh wir waren, diesen Ort in dieser Zeit "danach" erlebt haben zu dürfen. Naturmäßig einer der schönsten Plätze auf der ganzen Reise. Es gibt zig Lagunen, Wasserfälle, Höhlen und der Ort wird umgeben von unzähligen Karstbergen, die einfach ein unglaublich schönes Panorama bieten. Wir gingen auf Nummer sicher und suchten uns auf der ruhigeren Seite des Flusses eine Unterkunft. In der ersten Nacht schliefen wir in einem Bungalow, danach wechselten wir ein paar hundert Meter weiter in ein kleines Häuschen, welches wir uns mit einem polnischen Pärchen teilten. Anja und Arkadiusz sind um die Ende 30, Anfang 40 und ebenfalls eine Weile unterwegs. Sie verfolgen ähnliche Interessen und Ziele was den Lebensstil angeht und so kam es in diesen Tagen einige Mal vor, dass wir uns auf der Terrasse für längere Zeit verquatschten. Nicht nur unsere Nachbarn waren sehr angenehm, nun hatten wir auch einen direkten Blick auf die Karstberge, die sich ein paar hundert Meter weiter anfingen vor uns aufzubäumen. Mit dem Fahrrad erkundeten wir die Gegenden, fuhren durch Dörfer, badeten in Lagunen und schauten Höhlen an. Langsam gewöhnten wir uns an den gemächlichen laotischen Rhythmus. Wir ließen uns immer mehr Zeit, machten Pausen, saßen manchmal einfach nur da und schauten. An solchen Tagen sind wir unglaublich bewusst und denken kaum nach, spüren eher. Vang Vieng ist einer dieser Orte an denen man gut und gerne für ein paar Wochen hängen bleiben kann. Uns wurde mal wieder bewusst, dass 30 Tage nichts sind, wenn  man ein Land erkunden möchte und verabschiedeten uns von Anja und Arkadiusz, als wir ein letztes gemeinsames Mangofrühstück zu uns nahmen. Es wurde Zeit den idyllischen Norden zu verlassen und gen Hauptstadt aufzubrechen.

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