Das nächste Land, welches es
also zu bereisen galt, war Laos. Es ist von der Fläche her etwa so groß
wie Deutschland ohne Bayern und Baden-Württemberg und eines der
weniger Binnenländer Asiens, das heißt, es hat keinen direkten
Zugang zum Meer und ist dadurch wirtschaftlich stark benachteiligt.
Der wichtigste Handelspartner ist China, der wenigstens etwas Geld in
das Land investiert, aber auf der anderen Seite auch viel mehr nimmt,
als es gibt. So findet sich Laos in der zweifelhaften Liste der Top-20
der ärmsten Länder der Welt wieder. Das einzige auf was die Laoten, unabhängig von anderen, setzen können, ist ihre unglaublich
ursprüngliche Natur und dem damit verbundenen Ökotourismus, der zum
Glück nachhaltig gestaltet wird. Quasi der gesamte Norden des Landes
ist ein einziger Urwald. Leider verscherbeln korrupte Beamte zusammen
mit vietnamesischen Großunternehmen diese Natur, indem der Dschungel
gerodet wird und das wertvolle Holz zur Herstellung exquisiter Möbel
ins Nachbarland verkauft wird. Noch vor 50 Jahren bestand Laos aus
70% Regenwald, 2016 sind es nicht mal mehr 40%, Tendenz stark fallend.
Dennoch bleibt grade der Nordteil des
Landes ein einziges Naturspektakel. Man schlängelt sich durch die
grünen Berge und Täler von Ort zu Ort, immer mal wieder durch
Dörfer, in denen noch über offene Feuerstellen in rostigen Kesseln
gekocht wird. Kinder laufen die Straßen entlang, ein paar Kilometer
weiter in das nächstgrößere Dorf, wo es anscheinend eine Schule
gibt. Die meisten Häuser sind auf Stelzen gebaut, etwa ein bis zwei
Meter über dem Boden. Zum Schutz vor dem Wasser in der Regenzeit.
Für etwa 150 Kilometer Strecke sind
circa 4 Stunden Fahrzeit einzuplanen, je nach Qualität der Straßen
und Busse. Wir hatten bis jetzt alles dabei. Mini-Vans, in denen
bis zu 12 Leute ziemlich zügig transportiert werden können. Das ist
die angenehme Variante, auch wenn die Fahrer gern mal zu doll aufs Gas treten. Einmal fuhren wir sogar in einem sogenannten
Sleeper mit, einem Schlafbus, in denen es keinen einzigen Sitz
sondern ausschließlich Doppelstockbetten gibt. Manchmal nahmen wir
auch in Bussen Platz, die damit drohten jeden Moment auseinander
zufallen. Es kommt dann schon mal vor, dass angehalten wird und der
Busfahrer mit seinem Werkzeug, welches lose unter seinem Sitz
verstreut liegt, das Gefährt erstmal reparieren muss ehe es weitergehen
kann.
Zeit spielt in Laos nicht nur keine
Rolle, ich würde sogar meinen, sie existiert hier gar nicht. Klar,
es gibt provisorisch einen Abfahrtsplan an Busbahnhöfen, aber
losgefahren wird erst wenn der Bus voll ist. Lohnt sich sonst nicht
und keiner der Insassen erweckt den Eindruck es eilig haben zu
müssen. Auch bei der Suche nach Essen muss man als Westler erstmal
geduldig bleiben. Es hapert gewiss nicht an Angeboten und Küchen.
Doch die Bestellung wird erst dann aufgenommen, wenn der Laote es für
richtig hält an unseren Tisch zu kommen. Im Gegensatz zum eher
quirligen Thailand wirkt Laos auf den ersten Blick etwas phlegmatisch und desinteressiert
– aber dennoch sehr freundlich, ist man erstmal in einem Gespräch
oder einer Situation tiefer verwickelt. Die Menschen sind
zurückhaltender, was wir uns damit erklären, dass das Land
touristisch noch nicht so sehr erschlossen ist wie seine Nachbarn
Thailand oder Vietnam. Dort hat man sich bereits daran gewöhnt, dass
Männer in Badehosen und T-Shirts und Bier in der Hand durch die Straßen laufen zusammen
mit ihren Partnerinnen, die meist schulter- und kniefrei bekleidet sind. Ein
weiteres Argument für unsere Vermutung sind die Kinder, die in
manchen Orten anscheinend nur alle paar Wochen oder Monate mal einen
Weißen sehen. Von ängstlich und den Tränen nahe über neugieriges
Gaffen bis Lachen und „Hello, hello, hello“-Rufen haben wir bei
den Nachwuchslaoten alles erlebt. Zum Glück überwiegt letztere
Reaktion, sodass wir auch mal gefragt werden, ob wir angefasst werden
dürfen oder ein Foto zusammen machen.
So in etwa kann man sich Laos
vorstellen, es herrscht hier eine ziemlich ausgelassene und bisher
nie erlebte, ganz eigene Stimmung. Wir denken hier viel nach, denn
das Land und die eben beschriebene Atmosphäre inspirieren dazu.
Die meisten Orte in Laos haben den
Flair einer staubigen Stadt aus dem Wilden Westen. So auch der
Grenzort Houay Xai, in dem wir eine Nacht verbrachten und der
folgende Ort Luang Namtha. Houay Xai hat absolut gar nichts zu
bieten. Die Hitze, die über der Stadt liegt, lud uns jedoch zum
Verweilen am Mekongufer ein. In Luang Namtha liehen wir uns Fahrräder
aus und erkundeten das Umfeld. Dort gab es Wasserfälle und viel
Natur, in der wir uns einfach nur gerne aufhielten. Und dort sahen wir
auch zum ersten Mal Dörfer, die es über das ganze Land verstreut gibt. Dort sind Kühe, Schweine und Ziegen die Kings auf der Straße.
Zumindest lassen sie sich von keiner Hupe der Welt aus der Ruhe
bringen und machen erst Platz für alle ankommenden Autos, wenn sie es
für richtig halten. Wir haben weder ein Gehege noch einen
Hühnerstall oder sonst etwas dergleichen gesehen bis jetzt.
Scheinbar leben die Tiere frei. Auch zwischen den Orten mitten auf
einer Landstraße kann es passieren, dass man auf eine Horde Ziegen
trifft.
Nach Luang Namtha ging es für uns in
die Königsstadt Luang Prabang, dem Juwel von Laos. Allerdings sind
die Busfahrten, wie bereits beschrieben, sehr lang und mühselig.
Also machten wir noch einen Tag Zwischenhalt in Oudomxai, wo wir uns
auf den Märkten vollfutterten und auch einen anderen Reisenden
trafen. Flo lebt in Berlin, ist jedoch Schweizer mit brasilianischen
Wurzeln und wieder in Südostasien unterwegs. Und das auf dem Landweg
von Deutschland bis hierher. In 9 Monaten ist er über Südosteuropa,
die Türkei, den Iran, Usbekistan, Turkmenistan, die Mongolei und
China mit seinem Auto gefahren. Wir hatten einen schönen Nachmittag
in einem der seltenen Parks. Parkanlagen sind bisher wirkliche
Raritäten in Südostasien.
In Luang Prabang, angekommen nach
weiteren acht Stunden Fahrzeit, wurde es dann etwas hitzig. Wir kamen
spät an und der Busbahnhof war mal wieder zig Kilometer vom Zentrum
entfernt. Keine Ahnung warum das in Laos so ist, aber 5-8 Kilometer
außerhalb ist Standard. Ein junges laotisches Ehepaar lud uns und
zwei französische Paare ein, mit einem Minivan ins Zentrum zufahren.
Sie wurden von einer Freundin abgeholt. Das passte den Tuk-Tukfahrern
mal gar nicht, gleich eine ganze Gruppe hellhäutiger Mitmenschen
gratis zu transportieren und der junge nette Laote musste ernsthaft
eine geschlagene Viertelstunde diskutieren und sich rechtfertigen.
Die Menschen in Südostasien sind wirklich sehr nett, aber die
Tuk-Tukfahrer machen wirklich ihre ganz eigenen Gesetze. Das war nach
2 Monaten hier die bislang erste und letzte Situation, in der es mal
unter Einheimischen lauter wurde. Wenn sich mal einer lauthals
beschwert hat, war es immer ein Tourist, der die Nerven verlor.
Diskutieren und Rechthaberei wird in Südostasien nur belächelt. Man
verliert hier sein Gesicht und wird nur bedauert, wenn man mit roten
Kopf wutentbrannt lospoltert, wenn es mal Unstimmigkeiten gibt. (Zum
Beispiel mit einer falschen Rechnung). Behält man hingegen die
Contenance und lächelt alles Unangenehme weg, klärt sich so gut wie
jede Situation binnen von zwei Minuten.
In Luang Prabang blieben wir dann drei
Tage. Es ist wirklich sehr schön dort. Man kann jede Menge
Outdoor-Aktivitäten unternehmen. Es gibt Wasserfälle und den
größten Nachtmarkt im ganzen Land. Dort haben wir jeden Abend
vorzüglich geschlemmt. Für 15.000 Kip, das sind etwa 1,80 Euro,
kann man sich an einem Buffet den Teller bis zum Rand voll machen mit
jeglichen Leckereien. Und das Beste: Alles war vegetarisch! Gleich
neben dem Nachtmarkt lief das laotische Filmfestival an. Es wurden
eine Woche lang Filme gezeigt und wir hatten Glück, dass an einem
Abend einer mit englischen Untertitel lief. Es war zwar eine
schnulzige Liebesgeschichte, aber ich muss sagen, dass er trotzdem
recht gut war. Interessant waren auch die Reaktionen des Publikums.
Die waren da voll drin. Je nach Szene ging da ein richtiges Raunen
oder Lachen durch die Menge. Ich kenne solche kollektiven
Verhaltensmuster eigentlich nur aus dem Fußballstadion. Um Luang Prabang schauten wir uns dann
den Kuang Si an, einen der schönsten Wasserfälle in Südostasien.
Dazu mieteten wir uns einen Tuk-Tukfahrer für einen Tag und kamen so
die knapp 30 Kilometer hin und zurück. Am letzten Tag kletterten wir
noch auf einen Berg, um die Aussicht über die Stadt zu genießen und
aßen uns am Abend wieder die Bäuche voll.
Weiter ging es nach Vang Vieng. Das ist
ein Ort, dessen jüngste Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes
„berauschend“ ist. Dort kann man Tubing machen. Das ist quasi auf
einem großen Schwimmreifen (Tube) den Fluss entlang fahren. In den 90ern
wurde die Aktivität sehr populär unter jungen Touristen und es entstand
zunächst eine Bar nach der anderen am Flussufer. Nun konnte man den
entlangschwimmenden Touristen einfach ein Seil zuwerfen, wenn sie wollten, und
sie an Land ziehen. Dann wurde in der Bar ein Bier gekippt und weiter
getubt. Bis zur nächsten Bar, wo man dann wieder ein Bier trank.
Dazu kam der ziemlich offene Verkauf von Marihuana, welches man
ebenfalls in Restaurants und Bars als Nachtisch zu seiner Pizza erworben konnte. So weit so gut,
ein Bier zu trinken und einen Joint zu rauchen hat noch niemanden unter
die Erde gebracht. Der Ort wurde nun jedoch immer populärer unter jungen
Leuten, die grad ihr Abi meisterten oder Semesterferien hatten, und
das sprach sich natürlich auch bei den ortsansässigen Drogenbossen
herum. Und da Laos der drittgrößte Opiumlieferant weltweit ist,
wurde eben dieses in seiner reinen Form oder in Form von Heroin in Unmengen nach Vang Vieng
verfrachtet. Auch das Polizeirevier in Vang Vieng machte zu dieser Zeit natürlich ordentlich Kasse. Das Heroin schlug dann so heftig ein, in
dieser ansonsten idyllisch wunderschönen Gegend, dass es von nun an
alle paar Wochen einen Drogentoten gab, der den Fluss heruntertrieb.
Ich glaub es waren zu Höchstzeiten um die 35-40 Tote im Jahr. Natürlich
wurde mit den harten Drogen auch das Verhalten der jungen Partygänger
immer perverser und lauter und so stand Vang Vieng nach etwa über
einem Jahrzehnt der Ekstase vor der Frage: Geld (durch Drogen) oder Ruhe (wie vor
dem Opium)? Da der Ort mittlerweile auch schon international für
Aufsehen gesorgt hatte und die laotische Regierung dadurch gezwungen war zu
Handeln, kehrte schnell wieder Ruhe ein. Der gesamte lokale (und
korrupte) Polizeiapparat wurde durch ein Anti-Drogenkommando
ausgetauscht und binnen weniger Jahre gelang es dem Ort, dass
wieder mehr Naturliebhaber Geld ans Volk brachten statt vollgedröhnte
Teenies die Kassen der Dealer füllten.
Und wie froh wir waren,
diesen Ort in dieser Zeit "danach" erlebt haben zu dürfen. Naturmäßig einer
der schönsten Plätze auf der ganzen Reise. Es gibt zig Lagunen,
Wasserfälle, Höhlen und der Ort wird umgeben von unzähligen
Karstbergen, die einfach ein unglaublich schönes Panorama bieten. Wir gingen auf
Nummer sicher und suchten uns auf der ruhigeren Seite des Flusses
eine Unterkunft. In der ersten Nacht schliefen wir in einem Bungalow,
danach wechselten wir ein paar hundert Meter weiter in ein kleines
Häuschen, welches wir uns mit einem polnischen Pärchen teilten.
Anja und Arkadiusz sind um die Ende 30, Anfang 40 und ebenfalls eine
Weile unterwegs. Sie verfolgen ähnliche Interessen und Ziele was den Lebensstil angeht und so kam es in diesen Tagen einige Mal vor, dass
wir uns auf der Terrasse für längere Zeit verquatschten. Nicht nur
unsere Nachbarn waren sehr angenehm, nun hatten wir auch einen
direkten Blick auf die Karstberge, die sich ein paar hundert Meter weiter anfingen vor uns aufzubäumen. Mit dem Fahrrad erkundeten wir die
Gegenden, fuhren durch Dörfer, badeten in Lagunen und schauten
Höhlen an. Langsam gewöhnten wir uns an den gemächlichen
laotischen Rhythmus. Wir ließen uns immer mehr Zeit, machten Pausen,
saßen manchmal einfach nur da und schauten. An solchen Tagen sind
wir unglaublich bewusst und denken kaum nach, spüren eher. Vang Vieng ist einer dieser Orte an denen man gut und gerne für ein paar Wochen hängen bleiben kann. Uns wurde mal wieder bewusst, dass 30 Tage nichts sind, wenn man ein Land erkunden möchte und verabschiedeten uns von Anja und Arkadiusz, als wir ein letztes gemeinsames Mangofrühstück zu uns nahmen. Es wurde Zeit den idyllischen Norden zu verlassen und gen Hauptstadt aufzubrechen.
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