Donnerstag, 2. Februar 2017

In Battambang und am Tonle Sap

Nach fünf Nächten in Siem Reap fühlten wir uns schon beinahe heimisch, also brachen wir auf in den nächsten Ort und der hieß Battambang. In Kambodscha gibt es einen riesengroßen See, den Tonle Sap. Auf dem Weg von Phnom Penh nach Siem Reap fuhren wir nördlich des Sees entlang. Nun ging es etwas Richtung Süden, ehe es dann unterhalb des Sees wieder zurück nach Phnom Penh gehen würde. Battambang ist zwar offiziell die zweitgrößte Stadt in Kambodscha, aber dennoch recht überschaubar. Ich denke unsere Heimatstadt Cottbus dient als guter Vergleich von der Größe her. Gleich am Anreisetag hatten wir das Glück den Nationalfeiertag miterleben zu dürfen, der auch in Battambang groß gefeiert wurde. Ein riesiger Nachtmarkt und eine abgedrehte Bühnenshow versüßten uns den Abend. Ohne Mist, die beiden Jungs und vier Mädels auf der Bühne gaben wirklich alles. Jeder Choreograph hätte verständnislos den Kopf geschüttelt, aber vielleicht war es genau dieses Unperfekte, was uns zwei Stunden lang zuschauen ließ. Außerdem fanden wir an den zahlreichen Ständen geröstete Esskastanien, die wir bereits in Mazedonien lieb gewonnen hatten.
Nach zwei Nächten wechselten wir dann erstmal unsere Unterkunft. Wir fanden in Battambang wirklich ein Zimmer mit eigenem Bad für sagenhafte $4 die Nacht. Allerdings hatte es keine Fenster bzw. nur eines Richtung Flur. Wir haben nicht sehr oft Zimmer ohne Fenster, aber wenn doch, dann sind wir meist froh wieder weitermachen zu können. Ich weiß nicht was es war, aber die Luft dort war wirklich unzumutbar. Wir fanden dann ein Zimmer für $5 mit einem Fenster und auch sonst war dort alles super. Das es solch günstige Unterkünfte gibt, hätten wir nicht gedacht. Zumindest nicht in der Anzahl. Dort verbrachten wir noch einmal zwei Nächte, wobei ein Tag für mich komplett auf dem Zimmer stattfand. Ich hatte wie schon in Kratie wieder Fieber, zum Glück war aber am nächsten Tag wieder alles in Ordnung. Jenny erledigte die Einkäufe und ich kurierte mich aus. Wir glauben aber, dass es nicht wirklich Fieber war, sondern eher Überhitzung. Man darf wirklich nicht vergessen zu trinken, an manchen Tagen holen wir uns schon einen Sonnenbrand, wenn wir nur eine halbe Stunde in der direkten Sonne verbringen. In Laos hatten wir einige Zeit penibel darauf geachtet viel zu trinken. Da ging es schon morgens nach dem Aufstehen los. Jenny schaffte etwa 0.75 und ich eine ganze 1.5 Liter Flasche Wasser. Im Konflikt steht das ganze jedoch an Tagen, die wir mit dem Bus fahren. Im Schnitt fahren wir etwa vier Stunden von einem Ort in den nächsten. Das kann ganz schön lange werden wenn die Blase voll ist, vor allem für Jenny. Geht man vor zum Busfahrer und fragt nach einer Pinkelpause, dann hält der Bus meist unverzüglich. Die Herren haben´s da recht einfach und stellen sich an den Straßenrand. Die einheimischen Frauen machen es genauso, aber als westlicher Besucher hat man da auch noch nach einigen Wochen seine Hemmungen sich vor allen zu entleeren.
Wie dem auch sei, wir trinken jetzt wieder jede Menge Wasser, auch wenn das ziemlich kostspielig sein kann, natürlich nur relativ gesehen. In manchen Orten bekommt man als Tourist eine 1.5 Liter Flasche nicht unter 75 Cent verkauft. Manchmal gibt’s Rabatt, weil wir meist Sechserträger kaufen, aber es gab auch schon Tage, da haben wir allein für Wasser $5 bis $6 ausgeben müssen. Und da waren wir noch nicht mal im Restaurant, wo die Flasche meist auch erst ab $1 zu haben ist. Ist auch kein Problem, nur manchmal sind die Relationen schon witzig. Wir schlafen oft für $8 oder weniger die Nacht in Gasthäusern und geben am selben Tag den gleichen Betrag für ein paar Rasierer und neue Zahnbürsten aus oder halt Wasser.
Von Battambang wollten wir eigentlich wieder zurück nach Phnom Penh. Wir hatten aber noch etwas Zeit über, um nach Vietnam zu kommen und natürlich wollten wir auch hier unsere 30 Tage im Pass voll ausreizen. Wir entschieden uns für einen Zwischenstop auf halber Strecke in einem kleinen Ort namens Krakor. Der Ort liegt wirklich mitten im Nirgendwo, die Hauptstraße von Battambang nach Phnom Penh sorgt einzig dafür, dass sich ein paar Reisende dorthin verirren. Wir lieben solch kleinen und unschuldigen Orte. Als Tourist wird man mit großen ungläubigen Augen angestarrt und dann mit einem Lächeln begrüßt. Man zahlt oft nur ein Drittel oder Viertel der Preise, die man aus touristischen Gegenden kennt, vor allem auf den Märkten. Und selbst die ansonsten etwas nervigen Tuk-Tukfahrer sind hier leicht abzuwimmeln. Meist akzeptieren sie ein „Nein“ und manche warten sogar darauf, dass man sie anspricht. Hier ist das Leben oft noch sehr ursprünglich und als Weißer ist man eher eine Attraktion als ein Goldesel. Wir hatten Glück, der Bus hielt genau vor dem einzigen Gasthaus im ganzen Ort und die Zimmer waren sauber und hell. Wir fanden auch noch eine Küche, wo es das beste Essen für uns seit langem gab. Dort gingen wir bei unserem Aufenthalt in Krakor drei- oder viermal Essen und immer gab es was anderes, alles vegetarisch und die Mengen waren enorm. Cinda, unsere Wirtin, lernten wir auch richtig gut kennen. Sie ist 25 Jahre jung und erzählte uns ihre Lebensgeschichte. Ich will jetzt nicht zu weit ausholen, aber sie befindet sich schon in einer nicht beneidenswerten Situation. Ihr gesamtes Leben pendelt zwischen ihrem noch nicht aufgegebenen Kindheitstraum eines Tages Dolmetscherin zu werden, der bevorstehenden Heirat mit ihrem Freund, den sie aber nicht heiraten will und der Arbeit in der Küche in Krakor, bei der sie mehr oder weniger von ihrer Familie genötigt wird zu bleiben, hin und her. Kurz: sie ist eine ganz normal junge Frau, möchte eigenständig und unabhängig leben und die Welt sehen, doch ist sie gezeichnet von den vielen Ketten, die sie halten und hindern. Das beeindruckende an ihrer Geschichte war Cinda selbst. Sie hatte sich noch immer nicht aufgegeben und sagte ganz selbstsicher, dass sie es dennoch schaffen werde und von ihrem ersten Geld wolle sie sich Paris anschauen. Als wir uns von Cinda am letzten Abend verabschiedeten, war uns mal wieder bewusst, wie gut wir es haben. Dass wir im Geburtenlotto ein gutes Los gezogen haben und uns weder Familie noch Arbeit noch sonst irgendetwas oder irgendwer aufhält unser Leben zu leben, so wie wir es für richtig halten. In unseren Gefilden sind es oft die Menschen selbst, die sich im Weg stehen. Das ist schon paradox.
Eine Sehenswürdigkeit hat Krakor allerdings doch zu bieten, zumindest liegt sie in unmittelbarer Nähe. Nur ein paar wenige Kilometer weiter nördlich liegt der Tonle Sap, der größte See in ganz Südostasien. Dort gibt es einen Ort namens Kompong Luong. Es gibt dort Häuser, Läden, eine Bäckerei, eine Eisfabrik, ein Polizeirevier, ein Krankenhaus, eine Schule und sogar eine Kirche.Warum das so besonders ist? Kompong Luong ist ein vollständig auf dem Wasser gebauter Ort. Alles ist auf kleinen Schiffchen und Floßen gebaut. Es gibt richtige Wasserwege und die Einheimischen halten sich sogar Hunde und Katzen aus ihren Hausbooten. Das gesamte Leben findet für etwa eintausend Familien auf dem Wasser statt, an Land wird nur gegangen, um Fisch zu verkaufen. Um dem ganzen noch eins draufzusetzen: Der Tonle Sap schwillt während der Regenzeit von 3000 km² auf knappe 13000 km² an, das Ufer ist je nach Saison etwa 1,5 bis 6 Kilometer von Krakor entfernt. Mit der Regen- und Trockenzeit wandert auch Kompong Luong immer wieder hin und her, sodass sich der Ort stets am Ufer befindet. Wir fuhren eine Stunde durch den Ort mit einem Einheimischen per Boot. Das war schon etwas ziemlich abgedrehtes, weil es wirklich genauso aussah wie andernorts, nur eben auf dem Wasser.
Der Weg von Krakor nach Kompong Luong dauerte zwar mit dem Tuk Tuk nur eine Viertelstunde, war jedoch nicht weniger beeindruckend als das Örtchen auf dem Wasser. Hier leben die Menschen in so einfachen Hütten, wie wir es nur selten gesehen haben und das mitten im Nirgendwo. Solche Orte regen wirklich immer wieder zum Denken an.
Der Zwischenstop hat sich auf jeden Fall gelohnt, bevor es weiter Richtung Phnom Penh ging.

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