Sonntag, 5. Februar 2017

An der Küste Kambodschas

In der Hauptstadt hatte sich inzwischen natürlich nichts geändert. Der Verkehr war ein totales Chaos und die Tuk-Tukfahrer penetrierten uns mit ihren ständigen Fragen und Angeboten. Dennoch war es wieder schön dort zu sein, das erste Mal auf der gesamten Reise, dass wir in einem Ort zweimal bleiben würden. Der Bus hielt auf einem völlig anderen Bahnhof, sodass wir erstmal durch die halbe Stadt mussten. Wenn man beim Essen schon nur noch Einheimischenpreise bezahlt und dann auch noch eine doppeltgroße Portion bekommt, dann kann man sicher sein gaaanz weit weg vom Schlag zu sein. Auch unser Hotel lag diesmal in einem etwas anderem Viertel, aber wir fanden den etwas zu langen Weg ohne Irrtümer. So chaotisch der Verkehr ist, so genial ist das Straßennetz Phnom Penhs. Die Straßen haben alle Nummern, nur die größeren Straßen sind auch zusätzlich mit Namen versehen. Dabei führen alle geraden Straßen meist von West nach Ost, die Ungeraden von Nord nach Süd, so weiß man an jeder Kreuzung wo man grade steckt und in welche Richtung man muss, wenigstens so ungefähr.
Unser Zimmer war gut, auch wenn´s jetzt doppelt so weit weg zum Nachtmarkt war und so entschlossen wir uns gleich nochmal zwei volle Tage zu bleiben. Wie schon geschrieben, zum erstem Mal hatten wir nun einen doppelten Aufenthalt zu vermerken und das fühlte sich toll an. Wir kannten die Wege, wussten wo es was zu essen gab und machten zu dem auch noch andere Gegenden unsicher. Ich mag das Wort eigentlich gar nicht nutzen, aber doch, wir fühlten uns in gewisser Hinsicht schon etwas heimisch, zu Hause. Tagsüber schlenderten wir durch die Straßen und Gegenden, die wir noch nicht kannten. Am Morgen und am Abend stärkten wir uns auf dem Cental Markt und Nachtmarkt. Dass unser Verkäufer auf dem Cental Markt uns wiedererkannte erstaunte uns nicht, wir haben beide darauf gewettet, so oft hatten wir schon bei ihm gefrühstückt. Aber dass wir sogar auf dem Nachtmarkt wiedererkannt wurden, dass hätten wir beide nicht gedacht. Dort ist nun doch schon deutlich mehr Betrieb und Touristen und Einheimische sind dort zu gleichen Anteilen vertreten. Vielleicht lag es daran, dass wir uns immer etwas in der Landessprache versuchen. Vor allem unser Essen wollen wir so immer bestellen und das führt manchmal zu ziemlich ulkigen Situationen.
Für unsere letzten Tage in Kambodscha haben wir uns den Süden aufgespart, endlich würde es an die Küste, ans Meer gehen. Im Prinzip gibt es drei „große“ Sehenswürdigkeiten in diesem Land: natürlich denkt jeder Tourist erstmal an Angkor Wat, die klare Nummer eins. Dann gibt es noch für Geschichtsinteressierte die Killing Fields und das Genozidmuseum in und um Phnom Penh. In den 70er Jahren herrschten hier die roten Khmer, die dafür sorgten, dass Kambodschas jüngste Vergangenheit blutdurchtränkt und tiefschwarz ist. Die Schandtaten und das Ausmaß dessen, was sich hierzulande abspielte, kann man ziemlich gut mit Nazi-Deutschland vergleichen.
Und dann gibt es noch die Strände um den Badeort Sihanoukville. Wer in Kambodscha feiern will und Malle-Feeling sucht, der ist hier genau richtig. Da wir aber nur noch eine gute Woche zur Verfügung hatten und wir das Feiern lieber anderen überlassen, entschieden wir uns dafür zwei andere Küstenorte, unweit von Sihanoukville, zu besuchen. Der erste Ort hieß Kampot. Dort quartierten wir uns ein paar Tage ein, denn es ließ sich dort auch ziemlich gut aushalten. Die Straßenstände waren super lecker und die Menschen dort sind sehr nett und aufgeschlossen. Aus Kampot kommt übrigens ein Pfeffer, der wohl auch international an Bedeutung gewann, schlicht und einfach als Kampot-Pfeffer bekannt. Auf den Tischen der Straßenstände war er auch zu finden und so mussten wir nicht extra die $40 pro Kilogramm löhnen, die man wohl direkt beim Bauer bezahlt. Ist auf jeden Fall sehr lecker und auch Jenny, die eigentlich nicht sehr oft nachwürzt, streute sich diesen über all ihre Portionen. Ein Highlight in diesen Tagen war sicherlich das Erkunden der Insel. Der Ort ist quasi durch Flussverläufe dreigeteilt. Auf der einen Seite gibt es das Stadtzentrum mit allem drum und dran: Restaurants, Reiseagenturen, Busbahnhof, Märkte usw. Auf der anderen Seite geht’s weniger touristisch zu, dort hatten wir uns ein Zimmer genommen und wurden schon manchmal mit großen Augen angeguckt, wenn wir durch die Straßen liefen. Von unserem Stadtteil aus konnte man noch auf eine kleine Insel fahren. Diese erkundeten wir per Fahrrad an einem Tag und dort geht es noch richtig ursprünglich zur Sache. Die einfachen Hütten und das Verschmelzen des alltäglichen Lebens der Menschen dort mit dem Wasser ist wirklich unglaublich. Außerdem verirrten sich dort anscheinend noch weniger Weiße hin als angenommen, wir wurden alle paar hundert Meter mit „Hello, hello“-Rufen empfangen. Die Kinder kamen an und wollten uns anfassen, solche Momente sind wirklich sehr schön, auch für uns, wenn wir sehen wie sich die Kleinen freuen und ihre Neugier ausleben können. Wir fuhren also einmal um die gesamte Insel, auf der andere Seite fanden wir endlos lange Salzfelder. Das war auch wieder so eine Insel, die auf der Karte recht winzig wirkt, ist man erstmal auf ihr, kann man sich jedoch kaum vorstellen auf einer Insel zu sein, bei solch scheinbar endlosen Weiten.
An anderen Tagen blieben wir dann in der Stadt und schlenderten durch die Gegend. Der Nachtmarkt war okay, der große Markt am Tage wirkte da schon eher wie eine kleine Stadt in der Stadt. Einmal waren wir in einem Restaurant essen und als wir da so draußen saßen, beobachtete ich einen älteren Herr mit Zauselbart. Er trank ein paar Bier und rauchte selbstgedrehte Zigaretten, die eher wie Tüten aussahen. Als er seine Rauchware im Restaurant verkaufen wollte, wurde ich neugierig und wir kamen ins Gespräch. So lernten wir Old Joe kennen, einem Mitte 50-jährigen Aussteiger, der in den letzten zwölf Jahren nur als Gast nach Deutschland geflogen ist. Knapp zehn Jahre hat er in Thailand gelebt, nun lebt er in Kambodscha und verkauft Tabak. Mit Anfang 40 war er einem Burnout nahe und  als Leiharbeiter hatte er immer nur schlecht bezahlte und unsichere Jobs. Er schmiss hin und ging nach England, um dort ein paar Monate zu leben und ein Zertifikat an irgendeiner Schule als Englischlehrer zu machen. Danach ging es dann nach Thailand, wo er auch tatsächlich jahrelang an Schulen gearbeitet hat. Jedoch kamen ihm immer wieder Visaprobleme und Gesetzesänderungen in die Quere, sodass er von Thailand die Schnauze voll hatte und rüber nach Kambodscha machte. Hier braucht man wohl nicht mal sein längeres Verweilen begründen, keine Einkommensnachweise oder dergleichen und man muss nicht mal nach Phnom Penh, um sein Visa zu verlängern. Die Kohle und den Reisepass für ein paar Tage abgeben und schon hat man für die nächsten 12 Monate wieder Ruhe. Er finanziert sich sein Leben mit dem Verkauf von Tabak (muss ein spezieller sein) und ab und an mal Englischunterricht, aber nur noch privat und nicht an Schulen. Ist auf jeden Fall immer interessant jemanden zu zuhören, der so radikal sein Leben ändert, ohne zu quatschen und großartig Pläne zu schmieden.
Am letzten Abend saßen wir grade in einem Park, da kamen ein paar junge Männer und spielten Da Cau. Dabei handelt es sich um eine Art Fedeballspiel, das mit dem Fuß gespielt wird. Wir haben das auch schon öfter mal gesehen, vor allem auf der langen Uferpromenade in Phnom Penh. Nun hatte ich sogar die Gelegenheit mitzuspielen, da uns die Jungs fragten und natürlich spielte ich etwas mit. Es macht richtig viel Spaß und ist viel einfacher als Hackisack, falls die noch jemanden in Erinnerung geblieben sind. Die Jungs, die Da Cau natürlich öfter spielten, hatten richtige karateähnliche und akrobatische Showeinlagen drauf. Dem Spiel schon zu zuschauen macht Spaß, es selbst zu spielen noch viel mehr und außerdem war es mal wieder ein Beweis mehr dafür, wie unwichtig es im Prinzip ist, nicht ansatzweise die Sprache des anderen zu sprechen und verstehen, wir haben alle viel gelacht. Als es dunkel wurde machten wir uns auf zum Essen und nach Hause. Schon am nächsten Morgen ging es für uns nach Kep, der letzten Station in Kambodscha. Kep ist ein richtig kleiner Ort, hat jedoch ein paar Sachen zu bieten. Natürlich freuten wir uns schon seit Wochen, Monaten endlich aufs Meer. Das fanden wir dort, sodass wir natürlich die meiste Zeit am Strand verbrachten und unsere Oberkörper nachbräunten. Die Balkansonne ist schon eine Weile her. An einem Tag besuchten und wanderten wir durch den Nationalpark, der nicht weit weg war. Ein schönes und ruhiges Stückchen Natur mit guter Aussicht auf Kep und das Meer. Wir trafen dort ein anderes deutsches Paar, die schon fast genauso lange unterwegs waren wie wir und wanderten ein Teil der Strecke zusammen. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der Krabbenmarkt. Jeder der auf Seefrüchte, Fisch und alles, was aus dem Meer kommt steht, sollte sich diesen nicht entgehen lassen. Dort kauften wir auch unser Obst. Unser Hotel war etwa zwei Kilometer außerhalb von Ort und Strand, wir liehen uns immer ein Fahrrad aus und erkundeten auch noch die restliche Gegend entlang des Meeres. Ganz oben über den Zimmern, hatte unser Hotel noch ein schönes Restaurant mit Blick aufs Meer. War zwar etwas teurer als gewohnt, aber das Essen war großartig und die Portionen waren auch nicht ohne. So verbrachten wir einige zeitlose Tage in einer Gegend, in der es sich auch für ein paar Wochen aushalten lässt. Immer wenn wir uns nur nach dem Stand der Sonne orientieren wann wir aufstehen oder abends wieder nach Hause fahren und wir nicht einmal mehr wissen welcher Wochentag momentan ist, dann ist das immer ein gutes Zeichen dafür, dass wir einen erholsamen Aufenthalt hatten. Und Kep ist einer dieser Orte.


Auch die Zeit für Kambodscha ging viel zu schnell vorüber. Das Land hat auch außer Angkor Wat sehr viel zu bieten und die Menschen sind wirklich sehr sehr sehr positiv eingestellt, wenn man bedenkt wie die jüngste Geschichte dieses Landes aussieht. Selbst ein beinloses Landminenopfer kann hier noch ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen bringen. Mal schauen, wie es im nächsten Kapitel, Vietnam, wird...

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