Freitag, 26. August 2016

Auf geht´s!

Endlich konnte uns Reise beginnen. Jenny hatte ihre Ausbildung mit Bravour gemeistert und die Wohnung hatten wir auch verkaufen können, Einzig die Tatsache, dass wir unsere Familien und Freunde für die nächsten Monate nicht sehen werden, trübte die Vorfreude etwas. Aber wir haben es uns ja so ausgesucht und das ist auch schon der einzig große Nachteil, den solch ein Unternehmen mit sich bringt.
Einen Tag, nachdem Jenny ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, ging es auch schon los. Es war Mitte Juli und fürs erste hielten wir uns noch in heimischen Gefilden auf. Wir tourten etwas durch Brandenburg von See zu See, quasi als Generalprobe. Im Nachhinein erwies sich diese Ideen auch als sehr sinnvoll. Erstens merkten wir, dass wir noch viel zu viel Gepäck mit uns herumschleppten und dann fing sich Jenny auch noch eine Blasenentzündung ein. Da wir zu keinem Zeitpunkt der ersten Wochen wirklich weit weg von zu Hause waren, spielten wir den Joker aus, noch einmal nach Hause zufahren. Dort genas Jenny ihre Entzündung und wir machten uns noch einmal auf für ein paar Tage an den Schwielochsee.

Zum 18.August hin, sollte es dann „richtig“ losgehen. Wir hatten Zugtickets bei der Deutschen Bahn zum unschlagbaren Preis von 39 Euro pro Nase nach Budapest erworben. Früh um kurz nach 6 Uhr ging es in Cottbus los. Die etwas über 12 Stunden dauernde Fahrt verging schneller als erwartet, erst nach 8 Stunden holten wir zum ersten Mal ein Buch aus unseren Rucksäcken.
In Budapest angekommen ging es dann noch zum etwas über 3 Kilometer entfernten Campingplatz, der gerade einmal anderthalb Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist. Eine gute Möglichkeit in einer Hauptstadt zu kampieren, ohne erst stundenlang mit einer Tram oder einem Bus in die Stadt zu kommen. Der Campingplatz glich zwar einer Festivalwiese, so dicht waren die Zelte aneinandergereiht, aber dafür war die Lage halt sehr gut und wie sich herausstellte, die Sanitäranlagen in einem sehr sauberen Zustand. Zudem ist jede vierte Nacht umsonst, also blieben 4 Nächte. Ich denke 3 volle Tage sollte man dieser tollen Stadt auch würdigen, ohne von früh bis spät hetzen zu müssen. Am ersten Tag flanierten wir erstmal entlang dem Donauufer. Endlos viele Kreuzfahrtschiffe hatten bereits Halt gefunden, während die Passagiere sich wie wir die Stadt anschauten. Danach ging es ins Stadtzentrum. Dort bekamen wir erstmal mit, dass am nächsten Tag Nationalfeiertag ist und es ein großes Feuerwerk über der Donau geben würde. Welch ein Glück, dachten wir uns. Außerdem wurden auf den größeren Plätzen, wie zum Beispiel auf dem zwischen Parlament und Nationalmuseum, große Bühnen aufgebaut. Wie sich später herausstellte, fand zeitgleich mit dem Feiertag auch das Stadtfest über das ganze Wochenende.statt. Zur Stadt selber will ich gar nicht so viele Sachen schreiben. Sie wird nicht umsonst die „Perle der Donau“ genannt. Es gibt sooo viele schöne Gebäude, Parks und Straßen, es würde den Rahmen sprengen über jeden Winkel zu berichten. Eine Besonderheit ist der Gellertberg. Er ist quasi der höchste Punkt der Stadt und liegt direkt neben der Donau. Von dort oben hat man einen tollen Ausblick auf die Stadt. Eine kulinarisch Spezialität ist Kürtoskalács, eine Art ungarischer Baumkuchen. Man stelle sich einen Hohlzylinder vor, innen mit total weichem Teig, außen etwas knusprig und bestreuselt mit verschiedensten Sachen. Wir hatten Schoko-Kokos und Mandeln. War beides sehr lecker.
Auf jeden Fall ist die Stadt einen Besuch wert und wer mal ein längeres Wochenende Zeit und Lust hat, kann sie gerne besuchen. Eine Sache, die nicht von der Hand zuweisen, uns aber auch erst am dritten Tag aufgefallen ist, ist die relativ hohe Anzahl an Obdachlosen. Wir waren an dem Tag nicht wirklich im Zentrum, aber auch nicht wirklich außerhalb der Stadt. Meist schliefen sie auf Wiesen und kein Einziger bettelte uns an, dennoch nahmen wir sie überall wahr.
Am vierten Tag kam uns dann das Wetter in die Quere. Obwohl wir schon ziemlich zeitig wach waren, nützte es uns so gut wie gar nichts. Es regnete und regnete und wollte einfach nicht aufhören. Der Campingplatz verwandelte sich in einen Sumpf und nach nicht einmal einer Woche sah unser Zelt schon aus wie Sau. Da wir dort Internet hatten, recherchierte ich nach möglichen Alternativen. Eigentlich wollten wir von Budapest nach Szeged trampen. Doch wie sich herausstellte wurde auf der M5, der Autobahn, gebaut. Dann kam der monsunartige Regen dazu, der es uns unmöglich machte, das Zelt abzubauen. Wir gaben uns schon damit zufrieden noch eine weitere Nacht in Budapest zu verbringen, da hörte es plötzlich auf zu regnen. Ich nutzte die Zeit und lief zum Busbahnhof, der keine 2 Kilometer entfernt lag. Auf der Karte hatte ich uns einen Ort rausgesucht, der direkt an der M5 und schon nach der Baustelle lag, die der Bus dann für uns umfahren würde.Da der Ort nur etwa 50 Kilometer entfernt lag, fuhren zum Glück den ganzen Tag Busse, mehr oder weniger im halbe-Stunden-Rhythmus. An der Rezeption hatte ich mich auch schon erkundigt, dass es an dem Tag kein Problem wäre nach 12 Uhr auszuchecken. Unglücklicherweise begann es auf dem Rückweg zum Campingplatz erneut wie aus Eimern zu schütten, ich kam pitschnass zurück. Aber zum Glück regnete es nur, warm war es trotzdem. Jenny hatte in der Zwischenzeit zum Glück schon alles gepackt und nach einer Stunde kam die nächste Regenpause, die wir dann nutzten um unser vermodertes Zelt einzupacken und schnell zum Busbahnhof zulaufen. Für 5 Euro fuhren wir beide nach Újhartyan, einem Ort der gerade so groß ist, dass es noch einen Supermarkt, aber keine Plattenbauten gibt. Wir stiegen an der ersten Haltestelle aus, und es begann wieder zu regnen. Na toll, dachten wir, und nun? Jenny blieb mit dem Gepäck in der Bushaltestelle sitzen, während ich Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit hielt. Zuerst ging ich in die Richtung aus der wir gekommen waren, aber keine Chance. Es gab zwar Felder und Wiesen, aber die eine Seite war Privatboden, auf der anderen war das Gras beinahe kniehoch und dazu noch alles nass. Außerdem gab es dort, wie auch im Ort an sich, zig Tausend Schnecken, von denen mindestens 6 ihr Leben unter meinen Sohlen ließen.
Dann ging ich zurück zu Jenny und suchte in der anderen Richtung des Ortes. Dort fand ich dann einen doppelten Volltreffer. Ortsausgangsschild inklusive Kreisverkehr mit Straße zur M5 plus einen 20 Meter breiten Waldstreifen zwischen dieser Straße und der letzten Wohnsiedlung von Újhartyan. Dort wurde ich auch gleich fündig, sodass wir etwa eine Stunde später zufrieden in unserem Zelt saßen. Schuhe nass, Klamotten nass, Rucksäcke halbnass,. Scheißegal, das Zelt steht. Wir hatten sogar noch etwas Reis und Tomatensauce, und somit ein warmes Abendmahl. Im örtlichen Supermarkt hätte es zur Not auch Verpflegung gegeben.
Am nächsten Morgen entschlossen wir uns sich, diese Durchgangsstation etwas genauer anzusehen. Wann ist man auch schon mal in Újhartyan? Es gibt eine kleine Kirche und 2 Dorfplätze, sowie ein Hotel mit Restaurant, einen Sportplatz und einen Friseur. Der Friedhof beherbergt vermutlich mehr Gräber als Einwohner und eine Besonderheit neben den vielen Weinbergschnecken ist der Hang der Einwohner zur Züchtung übergroßer Pflanzenblüten. Hibiskusblüten so groß wie Kinderköpfe und Lindenblätter so groß wie Din-A4 Blöcke. Jeder gefühlte zweite Baum wirft Walnüsse ab und als nette Zwischenstation nach dem großen Budapest ist dieser kleine verschlafene Ort genau das richtige für unser Gemüt gewesen.
Zur Mittagsstunde packten wir unsere Sachen und stellten uns an den Kreisverkehr, der nur 50 Meter entfernt war. Nach etwa 5 Minuten hielt eine mittelalte Frau. Sie wollte zwar nach Budapest, aber uns an einen besseren Ort bringen, wo wir besser nach Szeged kommen. Leider erwies sich der Ort als nicht so praktisch. Es war quasi die gleiche Straße nur 500 Meter weiter und direkt vor der Auffahrt nach Szeged, aber ohne Standstreifen oder dergleichen. Sie zeigte auf die Auffahrt und wir waren verdutzt. Als sie weiter fuhr, tasteten wir uns die Auffahrt auf der anderen Seite der Leitplanke entlang, aber wir sahen nur die M5 und wussten nicht wo wir uns da denn bitte gefahrenfrei hinstellen sollten? Und selbst wenn wir uns auf den Autobahnstandstreifen stellen würden, wer hält denn da an? Also Kommando zurück und wieder an den Kreisverkehr gestellt. Nach einer halben Stunde hielt wieder jemand, er wollte aber nach Rumänien. Wir sagten, dass wir nach Süden wollten, nach Szeged. Leider konnte er gar kein Englisch, aber auch seiner Gestik entnahmen wir, dass es besser wäre uns auf die Autobahn zu stellen. Nun standen wir da und wussten nicht weiter. In solchen Situationen können sich die Gemüter sehr schnell erhitzen und während sich eine Diskussion anbahnte, ob es nicht sinnvoller wäre sich auf die Autobahn zustellen oder doch noch eine Nacht im Wald zu schlafen und die Situation an der Autobahn ohne Gepäck zu checken, hielt auf der Gegenfahrbahn ein Auto. Ein Glatzkopf mit Sonnenbrille stand auf einmal da und fragte uns, wo wir denn hin wöllten. Nach Szeged, antworteten wir und er meinte, er wolle da auch hin. Wir sollen nur 3 Minuten warten, dann würde er zurückkommen. Mir kam die Situation total spanisch vor. Klar kamen auch schon Leute auf uns zu und nahmen uns dann mit, aber das ist eher die Ausnahme. In der Regel muss man auf sich Aufmerksam machen, damit überhaupt jemand anhält. Jenny war erstmal froh, dass es scheinbar doch noch klappen sollte und klärte mich auf, dass er nicht erst in 3 Minuten zurückkommen würde, wenn er uns was Schlimmes würde wollen, sondern gleich eine Runde im Kreisverkehr gedreht und uns eingesammelt hätte. Stimmt, das entsprach einer gewissen Logik. Als der Typ nach wenigen Minuten tatsächlich wiederkam, diesmal ohne Sonnenbrille, sah er auch schon viel sympathischer aus. Als ich dann noch einen Kindersitz auf der Rücksitzbank sah war auch ich erleichtert. Er war etwa Ende 30 und hieß Szanno. Wie sich rausstellte, war er ein echt geschmeidiger Typ, Vater von 2 Kindern und soweit ich es verstanden habe, arbeitet er in der Energie- und Automobilbranche. Wir unterhielten uns auf Englisch beinahe die ganze Stunde lang auf der Fahrt nach Szeged. Hin und wieder musste er telefonieren, Kunden soweit ich das mitbekommen habe. Als wir ihm auf seine Frage hin, wo unsere Reise noch hingeht, antworteten, erzählte er uns, dass er vor ein paar Jahren auch mal alles stehen und liegen gelassen hat. Sein Job hat ihn fast in den Burn-Out getrieben und so hat er gekündigt und ein ganzes Jahr lang nichts anderes gemacht als zu Angeln Wir mussten alle Lachen, macht ja auch nicht jeder. Aber ihm tat es wohl richtig gut mal wieder runterzukommen und abzuschalten. Dann wurde er Vater. Wir unterhielten uns über Kinder und er sagte, dass erste was er machte, als sein Sohn geboren war, war den Fernseher raus zuschmeißen. Anscheinend kommt im ungarischen Fernsehen auch nur Schrott, der nicht zur Kindeserziehung beiträgt. Dann rief seine Frau an und er erzählte uns, dass sie grad dabei waren ein Haus zu kaufen in einem kleineren Ort in der Nähe von Budapest. Ich habe es nicht ganz verstanden, aber irgendwie scheint der Bürgermeister diesen Ortes gleichzeitig Makler zu sein und über ein etwas korruptes Immobiliensystem Häuser spottbillig zu verkaufen. Mit dem Ende dieser Geschichte endete auch die Fahrt nach Szeged. Szanno fuhr uns noch ins Stadtzentrum und wir verabschiedeten uns. Da waren wir nun, in Ungarn sonnenreichster Stadt. Nun hieß es nur noch den Campingplatz aufzusuchen, der sich direkt am Ufer der Theiß, Ungarns längsten Flusses, befand. Da wir auf der anderen Seite des Ufers standen, erahnten wir schon das Gelände und so machten wir uns auf über die Brücke und fanden ihn recht zügig. Dumm nur, dass das Gelände abgesperrt war. Der nicht englisch sprechende Ordner verwies uns auf die andere Seite des Campingplatzes. Ehe wir wieder, wie schon so oft, unser ganzes Gepäck mit uns herumschleppten, wartete Jenny in einem Park und ich machte mich auf die Suche nach dem Hintereingang. Auch dieser war recht leicht aufzufinden, jedoch auch abgesperrt. Auch Ordner Nummer 2 erklärte mir nur, dass der Zutritt nicht möglich sei. Ein Mann der gerade auf das Gelände lief, bekam unsere verzweifelten Gestikulierungsversuche mit und fungierte schließlich als Dolmetscher. Dann die Auflösung: ein 4-tägiges Festival stand kurz bevor, 7000 oder 17000 Besucher, ich habe es nicht ganz verstanden, waren schneller in der Platzreservierung als wir. Wir wurden dann auf einen anderen Campingplatz vertröstet, der zwar etwas außerhalb lag, aber nach einigem Hin und Her zwischen Festival-Campingplatz, Touri-Info (wieder auf der anderen Seite der Brücke) und Jenny im Park, standen wir dann etwa 3 Stunden nach unserer Ankunft in Szeged bei 42°C am richtigen Bahnsteig beim Busbahnhof und fuhren noch eine halbe Stunde raus auf den zweiten Campingplatz. Das war ein Ritt sage ich Euch! Dazu kam, dass Jenny schon den ganzen Tag von Bauchschmerzen geplagt wurde, aber endlich war Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Der Campingplatz erwies sich dann auch als wirklich super. Gut, die Sanitäranlagen waren mit reichlich Spinnweben geschmückt, aber ansonsten war alles Top. Für 12 Euro pro Nacht durften wir uns einen Platz auf dem riesigen Gelände in Größe von etwa 5 Fußballfeldern suchen, auf dem sich grade einmal 3 andere Wohnmobile hin verirrt hatten. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Kochen, Essen und gar Nichts machen. Am nächsten Morgen fuhren wir dann zurück nach Szeged und schauten uns die Stadt an. Die Stadt ist die drittgrößte in Ungarn und weist sehr viele Parallelen mit anderen zweit- oder drittgrößten Städten in anderen Ländern auf: Das Zentrum ist sehr erschlossen, man kann alle Sehenswürdigkeiten an einem halben Tag locker zu Fuß erreichen. Es ist ein Stadt mit vielen Studenten, hinzu kam das Festival, wir sahen sehr viele junge Menschen. Es gibt sehr wenige andere Touristen und die typische Besonderheit ist direkt im Zentrum der Stadtpark, der mit 5000m² relativ groß ist.. Auf jeden Fall hat uns dieser Flecken im tiefsten Süden Ungarns sehr gefallen und ist zu unserem persönlichen Highlight der bisherigen Reise auserkoren worden.
Am zweiten Tag blieben wir auf dem Campingplatz, der immerhin auch noch ein Freibad zu bieten hatte. Unseren Nachbarn, der sein Zelt etwa 30 Meter neben uns aufgestellt hatte, lernten wir auch kennen. Matthias, 27 Jahre jung, aus Kufstein in Österreich, nutzte seinen dreiwöchigen Urlaub für eine Motorradtour durch Südpolen, die Ukraine, Rumänien und schließlich Ungarn. Mit ihm kamen wir ein paar Mal ins Gespräch, ein netter Kerl auf jeden Fall.
Neben dem lästigen Wäschewaschen, stand diesen Tag dann aber wirklich rein gar nichts mehr auf dem Zettel. Und das hatten wir auch bitter nötig, die ersten Tage haben ganz schön geschlaucht. Auch wenn der ein oder andere das hier grade vor/nach/während seiner 8h+ Schicht liest und denkt: Was wollen die denn bitte? Freunde, das ist kein Pauschalurlaub und es gab, gibt und wird immer Momente geben, da würden wir alles dafür machen, um mit einem Fingerschnips uns nach Hause zu beamen. Aber abgesehen von solchen Momenten läuft bislang alles super und nach unseren Vorstellungen, wir sind wohl auf und freuen uns nun auf Serbien!

Nun gut, das soll es erstmal gewesen sein. Den nächsten Tripreport gibt es, sobald wir wieder Gelegenheit und genügend Zeit finden das Erlebte in Worte und Bildern zu packen.


Liebe Grüße, Jenny und René ;-)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen