Montag, 10. Oktober 2016

Mire Dita! - Vom Norden Albaniens bis in die Hauptstadt

Ich musste insgeheim lachen, als ich mich erinnerte, Serbien mit einer Reise durch die Zeit verglichen zu haben. Albanien setzt dem Ganzen nochmal die Krone auf. Es ist einfach eine andere Welt und. Am besten trifft es das Wort urig, um zu beschreiben, wie der Weg durch die kleinen Dörfer auf uns wirkte, während sich der Kleinbus, in dem wir mit Wilma saßen, Shkoder ansteuerte. Auch in der mit 140.000 Einwohnern recht großen Stadt herrschte eine andere Stimmung. Es gibt keinen zentralen Busbahnhof oder gar eine Touristeninformation. Es gibt hier auch keine Supermarktketten an jeder Ecke, dafür viele kleine Läden und Stände, in denen die Preise auf Pappen handgeschrieben werden. McDonalds? Gibt’s nicht mal in der Hauptstadt Tirana. Diese wirtschaftliche Nische besetzen viele kleine Straßencafes und Imbissbuden. Die Sprache wirkt fremd und hat wie das Ungarische keine Ähnlichkeiten mit einer anderen Sprache. Die Menschen schauen anders aus. In Serbien und Montenegro ist es ab und an vorgekommen, dass wir nach dem Weg oder dergleichen gefragt wurden, weil wir auch Einheimische hätten sein können. Hier fallen wir auf. Vollgepackt mit unseren Rucksäcken erst recht. Immerhin fanden wir recht zügig eine Wechselstube. Erstmal ein paar Euros in Lek tauschen. Da wir nicht wussten, was zu machen ist und auch schon wieder einen kleinen Marsch durch die Stadt hinter uns hatten, musste das Taxi herhalten. Immerhin gab es einen Campingplatz, etwas außerhalb, aber trotzdem nicht weit weg vom Zentrum. Dort quartierten wir uns für die nächsten drei Tage ein. Es gab sogar eine Küche, sodass wir unsere Gasvorräte schonen konnten. Eine große Pfanne sorgte dafür, dass wir die nächsten Tage größtenteils Bratkartoffeln essen würden. Wie hatten wir das vermisst!
Shkoder schauten wir uns dann direkt am nächsten Tag an. Es ist die fünftgrößte Stadt in Albanien und liegt im Norden des Landes direkt am Skadarsee, dem größten See in ganz Südosteuropa. Das Zentrum bilden ein schöner Park und eine sehr große Moschee, sowie andere Gotteshäuser. Es gibt viele kleine Straßen und Gassen zum Spazieren und Einkaufen. Was sehr auffällig ist und wohl auch zum Kulturschock beiträgt, ist das Stadtbild an sich. Es gibt unendlich viele Rohbauten sowie Ruinen und das total unregelmäßig verteilt. Wo an der einen Ecke noch ein halbwegs passabel erhaltenes Gebäude steht, nimmt gleich nebenan eine komplette Bruchbude platz. Dieses Bild zieht sich durch die ganze Stadt, doch auf uns wirkt dieser Anblick aufregend, neu und auf eine gewisse Art interessant.
Das Drumherum um Shkoder ist landschaftlich allerdings makellos und allererste Sahne. An einem anderen Tag bestiegen wir die Burg, die auf einen Hügel etwas außerhalb der Stadt steht, gleich in der Nähe unseres Camps. Der Blick von dort oben ist wirklich herrlich! Im Norden sieht man den Skadarsee und erahnt hinter seinen Weiten seine anderes Ufer in Montenegro. Im Westen sieht man das Stadtpanorama von Shkoder und dahinter die albanischen Alpen. Im Süden und Osten verläuft ein herrlicher Flüsse durch die Landschaft. Mit dem Wetter hatten wir auch Glück, so dass wir freie Sicht in alle Richtungen hatten.
Am letzten Tag während unseres Aufenthaltes in Shkoder genossen wir das Ufer des Skadarsees, der auch auch nicht all zu weit entfernt lag. Auf unserem Campingplatz begegneten wir dann auch noch 2 interessanten anderen Reisenden. Da wäre zum einen Jacek aus Lublin in Polen. Er hat einen sehr extremen und aufregenden Reisestil. Seine einmonatige Route führte ihn von Polen über die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Montenegro schließlich nach Albanien – und das alles und ausnahmslos per Anhalter. Schon allein auf dieser Tour hat er in über 100 Autos gesessen. Aber das ist es noch nicht gewesen. Statt zu Zelten nimmt Jacek in einer Hängematte vorlieb. Was für ein krasser Typ! dachten wir uns, als wir seine Konstruktion begutachteten. Er hatte auch wirklich an alles gedacht. Die Hängematte war oben mit einem Mosquitonetz versehen und eine Regenplane hatte er auch dabei. Er erzählte uns ein paar Geschichten, wie er sich manchmal Nachts im Wald fürchtete, wenn er was Knacksen hörte. Meist waren es streunernde Hunde oder Katzen. In Shkoder nahm er das allererste Mal einen Campingplatz in Anspruch, weil ihm, genauso wie uns, gesagt wurde, dass Albanien nicht ohne ist was die Sicherheit angeht. Warmes Essen kochte er sich mittels eines handgroßen Ofens in dem er Napalm-ähnliche Tabletten anzündete, die für etwa 10 Minuten ordentlich Hitze gaben. Er hatte auch auf alles eine Antwort, wir waren natürlich neugierig. Wie er das zum Beispiel mit seinem Gepäck mache, wenn er sich eine Stadt oder einen Ort anschaut. Er meinte zu uns, die Menschen seien alle gut und er vertraut ihnen. Und so geht er einfach in Restaurants, Supermärkte oder Hotels und fragt, ob er sein Gepäck für ein paar Stunden bei ihnen lassen könne. Manchmal arbeitete er auch für ein Essen und Schlafplatz bei Kirchen oder anderen öffentlichen Einrichtungen, denn viel Geld zum Reisen habe er nicht als polnischer Student. Dann meinte er, wenn man Reisen will, aber kein Geld hat, dann wird man kreativ wie ein Fuchs und entwickelt jede Menge Phantasie. Da mussten wir alle lachen, wie er das so gesagt hat. Auf jeden Fall ist Jacek einer der mit simpelsten Mitteln Reisende, den wir je getroffen haben.
An einem anderen Tag lernten wir Pierre kennen, ein genauso krasser Typ wie Jacek. Pierre ist etwa Mitte 40 und kommt aus der Nähe von Montreal in Kanada. Er ist bereits seit 4 Monaten unterwegs in Europa – und das alles mit dem Fahrrad. Er meinte, seine Freunde hielten ihn deshalb für verrückt. Aber er fragte sie daraufhin, wann er das bitte sonst machen solle, etwa später im Rollstuhl? :-)
Er startete seinen Trip in Malaga in Spanien und fuhr dann durch Frankreich, Italien, die Schweiz, Österreich, Slowenien, Kroatien und Montenegro bis nach Albanien. Man dürfe sich jetzt auch keinen Sportler oder dergleichen vorstellen. Pierre war zwar nicht dick, aber auch nicht durchtrainiert. Er hatte stets eine Zigarette in der einen und ein Bier in der anderen Hand. Bier war überhaupt sein Lieblingsgetränk und nach eigenen Angaben trank er nur ein wenig Wasser, weil es der Körper ja bräuchte. Das Faszinierendste an Pierre war sein durch seine tiefblauen Augen zufriedener Blick. Der Mann war definitiv bis ins letzte Glied erfüllt und im Reinen mit sich.
Interessant war dann auch noch folgendes Gesprächsthema: Entfernungen. Kanada ist das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde und da spielen Entfernungen im Bewusstsein der Menschen eine ganz andere Rolle als bei uns. Zum Beispiel hat er einen guten Freund, der allerdings knapp 600 Kilometer von ihm entfernt wohnt. Trotzdem setzt er sich am Wochenende ab und an ins Auto und fährt auf ein paar Bier hoch zu ihm, nur um nächsten Tag in der Früh wieder nach Hause zu fahren. Da sind ein paar Hundert Kilometer nicht viel, während man hier in Europa schon ein bis zwei ganze Staaten durchqueren kann. Jedenfalls sehr interessante Ansichten hatte der Pierere.
Als unsere Zeit in Shkoder gekommen war um Abzureisen, stellten wir uns an die Straße. Es wurde mal wieder Zeit per Anhalter zu Reisen. Nach etwa 10 Minuten hielt dann auch ein Ford und wir fuhren bei einem jungen Mann und vermutlich seinem Vater mit. Leider sprach keiner von ihnen Englisch, aber wir waren froh, dass es bei unserem ersten Versuch in Albanien gleich so gut klappte. Unser nächstes Ziel war das etwa 40 Kilometer entfernte Lezhe, ein kleiner Ort an der Küste. Dort angekommen standen wir vor dem selben Problem, wie in Shkoder. Keine Touristeninformationen, kein Plan.Wir schlenderten durch Lezhe und auf einmal quatschte uns ein Typ an, der draußen vor einem Cafe saß. Er fragte uns wo wir herkamen. OOOHH GEEERMAAANYY. Die Deutschen sind sehr beliebt in Albanien und das war unsere erste Erfahrung damit. Der Kerl hieß John. Er gab mir einen dicken Schmatzer auf die Wange, als wir sagten, wir kämen aus Deutschland. Er erzählte uns, dass er viele Jahre in Belgien gearbeitet hatte und auch in Deutschland oft unterwegs gewesen sei. John half uns dann tatsächlich auch noch bei der Beschaffung einer möglichen Bleibe und empfahl uns ein Hotel. Als wir dort aufschlugen fanden wir eine nette Hoteldame vor, die uns dann doch noch sagen konnte, wo sich der Campingplatz befand. Da sie meinte, dass er etwas außerhalb liegt entschieden wir uns für ein Taxi und nur kurze Zeit später waren wir die ersten und einzigen Gäste auf dem Platz, der eher einem Hinterhof oder Parkplatz glich, jedoch sehr sauber war. Auf einem Grünstreifen der so schmal war, dass kein zweites Zelt Platz gefunden hätte, stellten wir unsere Bleibe auf. Immerhin direkt zwischen zwei Palmen und jeder Menge Weintrauben. Die nächsten Tage erkundeten wir Lezhe. Zu unserem Erstaunen war dieser Ort recht modern, wie der Zustand der Gebäude verraten ließ. Durch die ganzen Palmen an den Straßenrändern, den Granatapfelbäumen und die brütende Hitze tat sich eine angenehme mediterrane Stimmung auf. Auch die Leute waren sehr locker. Wir gewöhnten uns so langsam an die neugierigen Blicke, hielten ihnen stand und bekamen unzählige Lächeln geschenkt. Einige Menschen fragten uns gar nicht erst woher wir kommen, sondern wurden gleich direkt: „Wie geht es Ihnen?“ oder „Alles gut? Albania gut?“ Keine Ahnung was uns als Deutsche outete, aber uns war es nur recht, so konnten wir hier und da ein paar Nettigkeiten mit dem heimischen Volk austauschen. Auch in Lezhe gab es einen Berg mit einer Burg drauf, wie immer ein klasse Spot, um das hiesige Panorama zu genießen. Der Weg dort rauf war auch ganz witzig. Wir machten auf etwa halber Strecke Halt. Die Ausläufer der Stadt hatten wir schon hinter uns. Dann kletterten wir etwas abseits der Straße den Berg hinauf und machten Rast. Dort war eine Wiese mit Gesteinsbrocken, eine Art Alm. Und tatsächlich kamen nach ein paar Minuten eine Herde Schafe und eine alte kleine Frau vorbei. Wir tauschten Gestiken aus und die Frau ging weiter. Das Besondere an ihr war, dass sie eine richtige alte Tracht trug und sich auf einen alten Holzstock stützte. Die Szene, so wie geschehen, hätte glattweg vor 150 Jahren stattfinden können.Weiter hinten sahen wir einen alten Mann auf der Wiese liegen, ebenfalls mit einer Herde Schafe. Er winkte mich heran und auch wir tauschten Wortfetzen und Gestiken aus. Das einzige was ich verstand war die Frage, ob ich mit Jenny verheiratet sei. Er zeigte auf Jenny, die noch weiter hinten auf einen Stein die Aussicht genoss und dann auf seinen Ringfinger. Irgendwie war das schon krass. Keine halbe Stunde zu Fuß weiter unten in der Stadt kann man mit Kreditkarten in Hotelketten bezahlen und hier oben gibt es wahrscheinlich nicht mal Internet. Diesen starken Kontrast sollten wir in Albanien noch sehr oft erfahren und ich finde, dass ist DAS, was dieses Land ausmacht. Oben an der Burg angekommen, genossen wir auch dort die Aussicht und sahen auf das adriatische Meer. Wir tobten in den Ruinen herum und machten ein Foto für eine Gruppe gut betuchter Palästinenser, die wir dort trafen. Am Abend auf unserem Campingplatz lernten wir dann noch Brunhilda und ihren Sohn Leon, sowie ihre Mutter kennen. Sie waren Freunde vom Besitzer des Camps und hatten ein Cafe in der selben Straße. Auch hier eine der ersten Fragen: Warum seid ihr noch nicht verheiratet? Auch diese Frage sollten wir in Albanien noch das ein ums andere Mal gestellt bekommen.
Am letzten vollen Tag fuhren wir mit dem Shuttlebus, der keine festen Zeiten hat und den man einfach heranwinkt, nach Shenqjin raus an den Strand. Dieser Ort steht sinnbildlich für den Umbruch, in dem sich Albanien im Moment befindet. Der Tourismus kommt mehr und mehr ins rollen, es stehen Rohbauten von Hotels und Restaurants an jeder Ecke. Ich denke, dass es spätestens in 5 Jahren genauso sein wird wie in Kroatien oder auf Mallorca, zumindest in den Strandorten. Dort genossen wir erneut das Meer, zumindest Jenny ließ es sich an diesem Tag nicht nehmen ins kühle Nass zu springen.
Da unser Campingplatz sich sowieso außerhalb von Lezhe befand, nutzten wir die gute Lage, um erneut per Anhalter zu fahren. Als nächstes ging es in die Hauptstadt. Wir stellten uns an die Hauptstraße und nach etwa zehn Minuten hielt ein nagelneuer Audi Q5 vor unserer Nase. Flouers hieß der nette Kerl, der sich nun mit Paul, der uns einst in Litauen in seinem Lexus mitnahm, Platz 1 der edelsten Karossieren, in denen wir je mitfuhren, teilt. Flouers wohnt in Shkoder, ist um die 40 und sieht aus wie ein Geschäftsmann lässiger Art. Er sagte uns gleich, dass er immer Anhalter mitnehme, um sein Englisch zu verbessern. Und so kam es, dass wir uns auf der einstündigen Fahrt nach Tirana ausgiebig unterhielten. Er erzählte uns viel über die albanische Geschichte, Religion und die Beziehungen zu Italien. An der Westküste spricht so gut wie jeder Albaner italienisch, was wohl daran liegt, dass Albanien ausschließlich zu Italien einige Beziehungen hatte, während seiner 50-jährigen Isolation. Auch Flouers spricht fließend italienisch, allerdings habe er nie ein Buch zum Lernen gebraucht, sondern wie die meisten Albaner aus der Praxis heraus, zum Beispiel durch Telenovelas, die Sprache erlernt. Ebenso interessant geht es mit der albanischen Kultur zu Gange. In Albanien gibt es den Islam, der die größte Glaubensgemeinschaft bildet, sowie die katholischen und die orthodoxen Christen. Allerdings leben alle Glaubensrichtungen und deren Anhänger friedlich nebenher. Eine Religion respektiert und akzeptiert die Andere. Flouers zum Beispiel ist Katholik, während seine Frau Muslimin ist und doch muss keiner der beiden jeweils zur Religion des anderen konvertieren oder sich sonstwie ausrichten. In seiner Heimatstadt Shkoder, die ja unsere erste Station hier war, bilden das Stadtzentrum eine Moschee, eine katholische und eine orthodoxe Kirche. Jedes Jahr zum Neujahrstag wird dort eine riesige Lichterkette zwischen den drei Gotteshäusern gespannt, welche das friedliche nebeneinander Herleben symbolisiert. Fahrten mit interessanten Gesprächspartnern gehen meist so schnell vorüber, dass wir erst merkten Tirana erreicht zu haben, als Flouers erzählte eine Abkürzung zu fahren; um die Rushhour zu umfahren.
Er ließ uns mitten im Zentrum raus und nun ging es wieder los das alte Spiel. Natürlich wieder keine offizielle Touri-Info, nicht mal in der Hauptstadt. Auch die Taxifahrer konnten mit unserer Adresse nichts anfangen. So gingen wir etwas hilflos in eine Reiseagentur. Dort half uns eine junge Frau via Internet und ein paar Minuten später hatten wir eine exakte Wegbeschreibung plus Karte in der Hand. Eine Stunde Fußmarsch später saßen wir in unserem Zimmer, welches für 17 Euro pro Nacht recht komfortabel ausgestattet und schon beinahe penibel sauber war. Tirana gleicht vom Stadtbild her, einer typischen europäischen Metropole. Hier gibt’s dann doch schon die ein oder andere Boutique und sogar ein richtiges Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild, jedoch (noch) keine Mc Donalds. Im Herzen ist so ziemlich alles zu finden, was eine Hauptstadt ausmacht: ein schöner Park, Nationaltheater, -museum und -galerie sowie einige Wolkenkratzer. Am äußersten Stadtrand im Norden gibt es ein riesigen Park. Park ist eigentlich eine Untertreibung, eher Wald. Ebenso ein See ist dort zu finden sowie unzählige Spazierwege und Spielplätze. Ein weiteres Highlight der Stadt ist der Dajti-Berg. Es ist der Hausberg Tiranas und mit 1600 Metern Höhe nicht mal eben nur ein kleiner Hügel. Für 12 Euro fuhren wir mit einer Seilbahn eine Viertelstunde lang hoch zum Aussichtspunkt und konnten von dort sogar bis zum Meer schauen. Das Wetter passte super und so verbrachten wir eine schöne Zeit in der Hauptstadt...

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