Endlich konnte uns Reise beginnen.
Jenny hatte ihre Ausbildung mit Bravour gemeistert und die Wohnung
hatten wir auch verkaufen können, Einzig die Tatsache, dass wir
unsere Familien und Freunde für die nächsten Monate nicht sehen
werden, trübte die Vorfreude etwas. Aber wir haben es uns ja so
ausgesucht und das ist auch schon der einzig große Nachteil, den
solch ein Unternehmen mit sich bringt.
Einen Tag, nachdem Jenny ihre
Ausbildung abgeschlossen hatte, ging es auch schon los. Es war Mitte
Juli und fürs erste hielten wir uns noch in heimischen Gefilden
auf. Wir tourten etwas durch Brandenburg von See zu See, quasi als
Generalprobe. Im Nachhinein erwies sich diese Ideen auch als sehr
sinnvoll. Erstens merkten wir, dass wir noch viel zu viel Gepäck mit
uns herumschleppten und dann fing sich Jenny auch noch eine
Blasenentzündung ein. Da wir zu keinem Zeitpunkt der ersten Wochen
wirklich weit weg von zu Hause waren, spielten wir den Joker aus,
noch einmal nach Hause zufahren. Dort genas Jenny ihre Entzündung
und wir machten uns noch einmal auf für ein paar Tage an den
Schwielochsee.
Zum 18.August hin, sollte es dann
„richtig“ losgehen. Wir hatten Zugtickets bei der Deutschen
Bahn zum unschlagbaren Preis von 39 Euro pro Nase nach Budapest
erworben. Früh um kurz nach 6 Uhr ging es in Cottbus los. Die etwas
über 12 Stunden dauernde Fahrt verging schneller als erwartet, erst
nach 8 Stunden holten wir zum ersten Mal ein Buch aus unseren
Rucksäcken.
In Budapest angekommen ging es dann
noch zum etwas über 3 Kilometer entfernten Campingplatz, der gerade
einmal anderthalb Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist. Eine gute
Möglichkeit in einer Hauptstadt zu kampieren, ohne erst stundenlang
mit einer Tram oder einem Bus in die Stadt zu kommen. Der
Campingplatz glich zwar einer Festivalwiese, so dicht waren die Zelte
aneinandergereiht, aber dafür war die Lage halt sehr gut und wie
sich herausstellte, die Sanitäranlagen in einem sehr sauberen
Zustand. Zudem ist jede vierte Nacht umsonst, also blieben 4 Nächte.
Ich denke 3 volle Tage sollte man dieser tollen Stadt auch würdigen,
ohne von früh bis spät hetzen zu müssen. Am ersten Tag flanierten
wir erstmal entlang dem Donauufer. Endlos viele Kreuzfahrtschiffe
hatten bereits Halt gefunden, während die Passagiere sich wie wir
die Stadt anschauten. Danach ging es ins Stadtzentrum. Dort bekamen
wir erstmal mit, dass am nächsten Tag Nationalfeiertag ist und es
ein großes Feuerwerk über der Donau geben würde. Welch ein Glück,
dachten wir uns. Außerdem wurden auf den größeren Plätzen, wie zum
Beispiel auf dem zwischen Parlament und Nationalmuseum, große Bühnen
aufgebaut. Wie sich später herausstellte, fand zeitgleich mit dem
Feiertag auch das Stadtfest über das ganze Wochenende.statt. Zur
Stadt selber will ich gar nicht so viele Sachen schreiben. Sie wird
nicht umsonst die „Perle der Donau“ genannt. Es gibt sooo viele
schöne Gebäude, Parks und Straßen, es würde den Rahmen sprengen
über jeden Winkel zu berichten. Eine Besonderheit ist der
Gellertberg. Er ist quasi der höchste Punkt der Stadt und liegt
direkt neben der Donau. Von dort oben hat man einen tollen Ausblick
auf die Stadt. Eine kulinarisch Spezialität ist Kürtoskalács, eine Art
ungarischer Baumkuchen. Man stelle sich einen Hohlzylinder vor, innen
mit total weichem Teig, außen etwas knusprig und bestreuselt mit
verschiedensten Sachen. Wir hatten Schoko-Kokos und Mandeln. War
beides sehr lecker.
Auf jeden Fall ist die Stadt einen
Besuch wert und wer mal ein längeres Wochenende Zeit und Lust hat,
kann sie gerne besuchen. Eine Sache, die nicht von der Hand zuweisen, uns aber auch erst am dritten Tag aufgefallen ist, ist die
relativ hohe Anzahl an Obdachlosen. Wir waren an dem Tag nicht
wirklich im Zentrum, aber auch nicht wirklich außerhalb der Stadt.
Meist schliefen sie auf Wiesen und kein Einziger bettelte uns an,
dennoch nahmen wir sie überall wahr.
Am vierten Tag kam uns dann das Wetter
in die Quere. Obwohl wir schon ziemlich zeitig wach waren, nützte es
uns so gut wie gar nichts. Es regnete und regnete und wollte einfach
nicht aufhören. Der Campingplatz verwandelte sich in einen Sumpf und
nach nicht einmal einer Woche sah unser Zelt schon aus wie Sau. Da
wir dort Internet hatten, recherchierte ich nach möglichen
Alternativen. Eigentlich wollten wir von Budapest nach Szeged
trampen. Doch wie sich herausstellte wurde auf der M5, der Autobahn,
gebaut. Dann kam der monsunartige Regen dazu, der es uns unmöglich
machte, das Zelt abzubauen. Wir gaben uns schon damit zufrieden noch
eine weitere Nacht in Budapest zu verbringen, da hörte es plötzlich
auf zu regnen. Ich nutzte die Zeit und lief zum Busbahnhof, der keine
2 Kilometer entfernt lag. Auf der Karte hatte ich uns einen Ort
rausgesucht, der direkt an der M5 und schon nach der Baustelle
lag, die der Bus dann für uns umfahren würde.Da der Ort nur etwa 50
Kilometer entfernt lag, fuhren zum Glück den ganzen Tag Busse, mehr
oder weniger im halbe-Stunden-Rhythmus. An der Rezeption hatte ich
mich auch schon erkundigt, dass es an dem Tag kein Problem wäre nach
12 Uhr auszuchecken. Unglücklicherweise begann es auf dem Rückweg
zum Campingplatz erneut wie aus Eimern zu schütten, ich kam
pitschnass zurück. Aber zum Glück regnete es nur, warm war es
trotzdem. Jenny hatte in der Zwischenzeit zum Glück schon alles
gepackt und nach einer Stunde kam die nächste Regenpause, die wir
dann nutzten um unser vermodertes Zelt einzupacken und schnell zum
Busbahnhof zulaufen. Für 5 Euro fuhren wir beide nach Újhartyan,
einem Ort der gerade so groß ist, dass es noch einen Supermarkt,
aber keine Plattenbauten gibt. Wir stiegen an der ersten Haltestelle
aus, und es begann wieder zu regnen. Na toll, dachten wir, und nun?
Jenny blieb mit dem Gepäck in der Bushaltestelle sitzen, während
ich Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit hielt. Zuerst ging
ich in die Richtung aus der wir gekommen waren, aber keine Chance. Es
gab zwar Felder und Wiesen, aber die eine Seite war Privatboden, auf
der anderen war das Gras beinahe kniehoch und dazu noch alles nass.
Außerdem gab es dort, wie auch im Ort an sich, zig Tausend
Schnecken, von denen mindestens 6 ihr Leben unter meinen Sohlen
ließen.
Dann ging ich zurück zu Jenny und
suchte in der anderen Richtung des Ortes. Dort fand ich dann einen
doppelten Volltreffer. Ortsausgangsschild inklusive Kreisverkehr mit
Straße zur M5 plus einen 20 Meter breiten Waldstreifen zwischen
dieser Straße und der letzten Wohnsiedlung von Újhartyan. Dort
wurde ich auch gleich fündig, sodass wir etwa eine Stunde später
zufrieden in unserem Zelt saßen. Schuhe nass, Klamotten nass,
Rucksäcke halbnass,. Scheißegal, das Zelt steht. Wir hatten sogar
noch etwas Reis und Tomatensauce, und somit ein warmes Abendmahl. Im
örtlichen Supermarkt hätte es zur Not auch Verpflegung gegeben.
Am nächsten Morgen entschlossen wir
uns sich, diese Durchgangsstation etwas genauer anzusehen. Wann ist
man auch schon mal in Újhartyan? Es gibt eine kleine Kirche und 2
Dorfplätze, sowie ein Hotel mit Restaurant, einen Sportplatz und
einen Friseur. Der Friedhof beherbergt vermutlich mehr Gräber als
Einwohner und eine Besonderheit neben den vielen Weinbergschnecken
ist der Hang der Einwohner zur Züchtung übergroßer Pflanzenblüten.
Hibiskusblüten so groß wie Kinderköpfe und Lindenblätter so groß
wie Din-A4 Blöcke. Jeder gefühlte zweite Baum wirft Walnüsse ab
und als nette Zwischenstation nach dem großen Budapest ist dieser
kleine verschlafene Ort genau das richtige für unser Gemüt gewesen.
Zur Mittagsstunde packten wir unsere
Sachen und stellten uns an den Kreisverkehr, der nur 50 Meter entfernt
war. Nach etwa 5 Minuten hielt eine mittelalte Frau. Sie wollte zwar
nach Budapest, aber uns an einen besseren Ort bringen, wo wir besser
nach Szeged kommen. Leider erwies sich der Ort als nicht so
praktisch. Es war quasi die gleiche Straße nur 500 Meter weiter und
direkt vor der Auffahrt nach Szeged, aber ohne Standstreifen oder
dergleichen. Sie zeigte auf die Auffahrt und wir waren verdutzt. Als
sie weiter fuhr, tasteten wir uns die Auffahrt auf der anderen Seite
der Leitplanke entlang, aber wir sahen nur die M5 und wussten nicht
wo wir uns da denn bitte gefahrenfrei hinstellen sollten? Und selbst
wenn wir uns auf den Autobahnstandstreifen stellen würden, wer hält
denn da an? Also Kommando zurück und wieder an den Kreisverkehr
gestellt. Nach einer halben Stunde hielt wieder jemand, er wollte
aber nach Rumänien. Wir sagten, dass wir nach Süden wollten, nach
Szeged. Leider konnte er gar kein Englisch, aber auch seiner Gestik
entnahmen wir, dass es besser wäre uns auf die Autobahn zu stellen.
Nun standen wir da und wussten nicht weiter. In solchen Situationen
können sich die Gemüter sehr schnell erhitzen und während sich
eine Diskussion anbahnte, ob es nicht sinnvoller wäre sich auf die
Autobahn zustellen oder doch noch eine Nacht im Wald zu schlafen und
die Situation an der Autobahn ohne Gepäck zu checken, hielt auf der
Gegenfahrbahn ein Auto. Ein Glatzkopf mit Sonnenbrille stand auf einmal da und fragte uns, wo wir denn hin
wöllten. Nach Szeged, antworteten wir und er meinte, er wolle da
auch hin. Wir sollen nur 3 Minuten warten, dann würde er
zurückkommen. Mir kam die Situation total spanisch vor. Klar kamen
auch schon Leute auf uns zu und nahmen uns dann mit, aber das ist
eher die Ausnahme. In der Regel muss man auf sich Aufmerksam machen,
damit überhaupt jemand anhält. Jenny war erstmal froh, dass es
scheinbar doch noch klappen sollte und klärte mich auf, dass er
nicht erst in 3 Minuten zurückkommen würde, wenn er uns was
Schlimmes würde wollen, sondern gleich eine Runde im Kreisverkehr
gedreht und uns eingesammelt hätte. Stimmt, das entsprach einer
gewissen Logik. Als der Typ nach wenigen Minuten tatsächlich
wiederkam, diesmal ohne Sonnenbrille, sah er auch schon
viel sympathischer aus. Als ich dann noch einen Kindersitz auf der
Rücksitzbank sah war auch ich erleichtert. Er war etwa Ende 30 und
hieß Szanno. Wie sich rausstellte, war er ein echt geschmeidiger
Typ, Vater von 2 Kindern und soweit ich es verstanden habe, arbeitet
er in der Energie- und Automobilbranche. Wir unterhielten uns auf
Englisch beinahe die ganze Stunde lang auf der Fahrt nach Szeged. Hin
und wieder musste er telefonieren, Kunden soweit ich das mitbekommen
habe. Als wir ihm auf seine Frage hin, wo unsere Reise noch hingeht,
antworteten, erzählte er uns, dass er vor ein paar Jahren auch mal
alles stehen und liegen gelassen hat. Sein Job hat ihn fast in den
Burn-Out getrieben und so hat er gekündigt und ein ganzes Jahr lang
nichts anderes gemacht als zu Angeln Wir mussten alle Lachen, macht
ja auch nicht jeder. Aber ihm tat es wohl richtig gut mal wieder
runterzukommen und abzuschalten. Dann wurde er Vater. Wir
unterhielten uns über Kinder und er sagte, dass erste was er machte,
als sein Sohn geboren war, war den Fernseher raus zuschmeißen.
Anscheinend kommt im ungarischen Fernsehen auch nur Schrott, der
nicht zur Kindeserziehung beiträgt. Dann rief seine Frau an und er
erzählte uns, dass sie grad dabei waren ein Haus zu kaufen in einem
kleineren Ort in der Nähe von Budapest. Ich habe es nicht ganz
verstanden, aber irgendwie scheint der Bürgermeister diesen Ortes
gleichzeitig Makler zu sein und über ein etwas korruptes
Immobiliensystem Häuser spottbillig zu verkaufen. Mit dem Ende
dieser Geschichte endete auch die Fahrt nach Szeged. Szanno fuhr uns
noch ins Stadtzentrum und wir verabschiedeten uns. Da waren wir nun,
in Ungarn sonnenreichster Stadt. Nun hieß es nur noch den
Campingplatz aufzusuchen, der sich direkt am Ufer der Theiß, Ungarns
längsten Flusses, befand. Da wir auf der anderen Seite des Ufers
standen, erahnten wir schon das Gelände und so machten wir uns auf
über die Brücke und fanden ihn recht zügig. Dumm nur, dass das
Gelände abgesperrt war. Der nicht englisch sprechende Ordner verwies
uns auf die andere Seite des Campingplatzes. Ehe wir wieder, wie
schon so oft, unser ganzes Gepäck mit uns herumschleppten, wartete
Jenny in einem Park und ich machte mich auf die Suche nach dem
Hintereingang. Auch dieser war recht leicht aufzufinden, jedoch auch
abgesperrt. Auch Ordner Nummer 2 erklärte mir nur, dass der Zutritt
nicht möglich sei. Ein Mann der gerade auf das Gelände lief, bekam
unsere verzweifelten Gestikulierungsversuche mit und fungierte
schließlich als Dolmetscher. Dann die Auflösung: ein 4-tägiges
Festival stand kurz bevor, 7000 oder 17000 Besucher, ich habe es
nicht ganz verstanden, waren schneller in der Platzreservierung als
wir. Wir wurden dann auf einen anderen Campingplatz vertröstet, der
zwar etwas außerhalb lag, aber nach einigem Hin und Her zwischen
Festival-Campingplatz, Touri-Info (wieder auf der anderen Seite der
Brücke) und Jenny im Park, standen wir dann etwa 3 Stunden nach
unserer Ankunft in Szeged bei 42°C am richtigen Bahnsteig beim
Busbahnhof und fuhren noch eine halbe Stunde raus auf den zweiten
Campingplatz. Das war ein Ritt sage ich Euch! Dazu kam, dass Jenny
schon den ganzen Tag von Bauchschmerzen geplagt wurde, aber endlich
war Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Der Campingplatz erwies sich
dann auch als wirklich super. Gut, die Sanitäranlagen waren mit
reichlich Spinnweben geschmückt, aber ansonsten war alles Top. Für
12 Euro pro Nacht durften wir uns einen Platz auf dem riesigen
Gelände in Größe von etwa 5 Fußballfeldern suchen, auf dem sich
grade einmal 3 andere Wohnmobile hin verirrt hatten. Den Rest des
Tages verbrachten wir mit Kochen, Essen und gar Nichts machen. Am
nächsten Morgen fuhren wir dann zurück nach Szeged und schauten uns
die Stadt an. Die Stadt ist die drittgrößte in Ungarn und weist
sehr viele Parallelen mit anderen zweit- oder drittgrößten Städten
in anderen Ländern auf: Das Zentrum ist sehr erschlossen, man kann
alle Sehenswürdigkeiten an einem halben Tag locker zu Fuß
erreichen. Es ist ein Stadt mit vielen Studenten, hinzu kam das
Festival, wir sahen sehr viele junge Menschen. Es gibt sehr wenige
andere Touristen und die typische Besonderheit ist direkt im Zentrum
der Stadtpark, der mit 5000m² relativ groß ist.. Auf jeden Fall hat
uns dieser Flecken im tiefsten Süden Ungarns sehr gefallen und ist
zu unserem persönlichen Highlight der bisherigen Reise auserkoren
worden.
Am zweiten Tag blieben wir auf dem
Campingplatz, der immerhin auch noch ein Freibad zu bieten hatte.
Unseren Nachbarn, der sein Zelt etwa 30 Meter neben uns aufgestellt
hatte, lernten wir auch kennen. Matthias, 27 Jahre jung, aus Kufstein
in Österreich, nutzte seinen dreiwöchigen Urlaub für eine
Motorradtour durch Südpolen, die Ukraine, Rumänien und schließlich
Ungarn. Mit ihm kamen wir ein paar Mal ins Gespräch, ein netter Kerl
auf jeden Fall.
Neben dem lästigen Wäschewaschen,
stand diesen Tag dann aber wirklich rein gar nichts mehr auf dem
Zettel. Und das hatten wir auch bitter nötig, die ersten Tage haben
ganz schön geschlaucht. Auch wenn der ein oder andere das hier grade
vor/nach/während seiner 8h+ Schicht liest und denkt: Was wollen die
denn bitte? Freunde, das ist kein Pauschalurlaub und es gab, gibt und
wird immer Momente geben, da würden wir alles dafür machen, um mit
einem Fingerschnips uns nach Hause zu beamen. Aber abgesehen von solchen Momenten läuft bislang alles super und nach unseren Vorstellungen, wir sind wohl auf und freuen uns nun auf Serbien!
Nun gut, das soll es
erstmal gewesen sein. Den nächsten Tripreport gibt es, sobald wir
wieder Gelegenheit und genügend Zeit finden das Erlebte in Worte und
Bildern zu packen.
Liebe Grüße, Jenny und René ;-)